Die schweren Jahre von 33 bis 45

Fast fünfundzwanzig Jahre lang hatte die einst vom Erlös der Konfirmationsfeier beschaffte Kompaktanlage von Saba Dienst getan, dann war sie aufgebraucht gewesen.

Diese All-in-one-Geräte waren anno ’78 in Hifi-Glaubenszirkeln und bei deren Jungaspiranten schon verpönt, wer sich mit Gedanken an die Beschaffung eines solchen trug und laut davon kündete, wurde gerne schief angesehen. Da man mich just in die Lehren der evangelischen Kirche eingeweiht hatte (Unterhemden batiken und Kerzenständer aus Holz basteln), war mein Bedarf an Esoterik bis auf weiteres gedeckt. Ich wollte nicht wochenlang Testzeitschriften und Datenblätter studieren, zig Komponenten auf Frequenzgang und Klirrfaktor abklopfen – ich wollte möglichst bald in meinem eigenen Zimmer meine eigene Musik hören. Geduld gehört bis heute nicht zu meinen Stärken. Und so nannte ich nach einem Gang zu Rundfunk Schwiebert selig jene Kiste mein eigen, die mich durch das folgende Vierteljahrhundert begleiten sollte.

Erstaunlicherweise hatte am Ende nicht ihre Elektronik versagt, es waren die mechanischen Teile, die peu à peu den Geist aufgegeben hatten: Regler knisterten, Tasten ließen sich nur noch mit Hilfe von 2-Mark-Stücken in Position klemmen, der Kassettenteil fraß schon mal Bänder in sich hinein. Und auch der Plattenteller wollte zum Schluss nicht mehr auf die vorgeschriebene Geschwindigkeit beschleunigen, weswegen alles einen Viertelton zu tief erschall. So fungierte der Apparat zuletzt eigentlich nur noch als Verstärker für den anno ’93 oder ’94, als es anders gar nicht mehr ging, zugekauften CD-Player – welcher keine zehn Jahre später auch schon erste Ausfallerscheinungen zeigte.

Nach einer Schamfrist von weiteren fünf Jahren – schließlich war es all meine musikalischen Irrwege mitgegangen – wurde das getreue Gerät letzten Sommer aus dem Z-Park (»von der Ausbesserung zurückgestellt«) Richtung Entsorgung überführt.

Auf verschlungenen Pfaden, die ich hier nicht weiter ausleuchten möchte, haben inzwischen zwei neumodische Kleinstanlagen in unsere Behausung gefunden – beide nicht der feuchte Traum eines HiFi-Fetischisten, aber durchaus annehmbar für einen Vielhörer, der seine nicht unendlichen finanziellen Mittel lieber in neue Tonträger investiert.

Einen Großteil des zuvor angehäuften Vinyls hatte ich inzwischen bei Zweitausendeins auf CD nachgekauft, manches aus den 80ern war mir wurscht geworden, vieles Älteres galt es zudem angesichts der Wiederveröffentlichungsschwemme („remixed & remastered“) überhaupt erst zu entdecken. Dazu kam die Flut an plötzlich durchs Internet problemlos verfügbaren Live-Aufnahmen der Grateful Dead, die erst einmal bewältigt sein wollte.

Allmählich aber machte die Plattenspielerlosigkeit eine Lücke schmerzlich bewusst: Die erste Hälfte der 90er, die Übergangsphase von der LP zur CD fehlte mir inzwischen im Höralltag sehr – für mich wichtige Platten, die damals zugleich und vermeintlich (da wenigstens bei den kleineren Firmen meist noch für analoge Wiedergabe gemastered) gleichwertig in beiden Formen veröffentlicht worden waren und die ich in Ermangelung beziehungsweise Verweigerung eines CD-Spielers hartnäckig als Vinyl gekauft hatte. Zehn Jahre später war das meiste davon in jedweder Form gründlich vergriffen, selbst die zweifelhaften Quellen blieben trocken.

Die Absicht, mir wieder einen Plattenspieler zuzulegen, war folglich schon länger gereift. Geblieben war der Unwille, mich in den Themenkomplex einzuarbeiten. Ich hatte keine Lust, windige »Beratungsgespräche« zu führen, deren absehbares Ergebnis sein würde, dass ich mir finanziell sowieso nur minderwertigen Schrott leisten könnte. Unterhaltungselektronikhöker genießen bei mir ungefähr die Wertschätzung von Gitarrenhändlern. Ich sah mich bereits in einen dieser Läden rennen, todesmutig und ohne lange Überlegung mit möglichst wenig Kontakt zum Personal nach einem x-beliebigen Gerät greifen und damit zur Kasse entschwinden.

So hätte es sich gewiss auch zugetragen, wenn moritz_f nicht zufällig angeboten hätte – ich weiß gar nicht mehr, wie wir aufs Thema gekommen sind –, mir seinen alten Thorens zu überlassen. »Thorens«? Nie gehört, keine Ahnung (dieses Blog führt seinen Titel nicht ohne Grund). Ich kenne moritz_f seit Zeiten, da die Rohstoffe für meine Saba-Anlage noch in der Erde lagen; seine musikalischen Vorlieben sind meinen nicht unähnlich, nur dass er mit einigem Trotz, mit Beharrlichkeit und Leidensfähigkeit und auch dank einem erstklassigen Plattendealer dem Vinyl treu geblieben war und ist. Außerdem hat er anders als ich zumindest Grundkenntnisse in Sachen höherwertiger brauner Ware.

Besagter Plattenspieler der Firma Thorens war aufs Abstellgleis geraten, weil er nach einem Umzug für den ihm im neuen Wohnzimmerregal zugeteilten Platz zu breit war. Liebeshändel können die merkwürdigsten Folgen zeitigen. Und so steht nun, nach einer fachmännisch vorgenommenen Hauptuntersuchung, neben meiner winzigen Anlage von Sony damit verbunden jenes High-End-Gerät. Bei der Wiederinbetriebnahme gab es noch ein kurzes retardierendes Moment, da für das gewünschte Klangresultat zwischen Ausgang und Eingang noch ein Vorverstärker geschaltet sein wollte. Den habe ich dann in gewohnter Manier nach circa 5 Minuten Entscheidungsfindung und ohne irgendwelche Testseiten im Internet zu Rate zu ziehen in einer Filiale eines großen Elektonikversandhauses erworben. Insgesamt liegen in unserem Wohnzimmer nun 7 Netzteile herum.

Endlich kann ich wieder „Mercury“ vom American Music Club hören. Oder „Please Panic“ von den Vulgar Boatmen, eine der großartigsten Platten ever. Und das dollste dabei: Es ist auf ihnen noch dasselbe drauf wie vor 5 Jahren, ich kenne noch jeden Ton.

Ein riesiges Dankeschön also nochmal hinauf zum Lichtscheid von hier ganz unten am Loh.

Hit oder Niete?

So. Drei Stunden damit verbracht, 2GB Konsensmusik auf die SD-Karte zu kopieren, die am Sonntag in die Anlage gesteckt wird, damit mir die Gäste nicht in den CDs rumkramen und jene, die sich langweilen, was zum Mitsummen haben. Freut euch also auf R&B aus den 60ern, Motown, New-Wave-Heuler aus den frühen 80ern, ein bisschen Americana, sowie „Radar Love“ und andere Fetenhits aus grüneren Tagen. Der „No Pussy Blues“ ist dann doch wieder runtergeflogen.

In gute Hände abzugeben


Van Gelderen Duits Woordenboek

Zufällig jemand Bedarf an »Van Gelderen Duits Woordenboek door J.H. an Beckum. Tweede deel. Nederlands – Duits. Elfde Druk. f 9,75« (J.B. Wolters · Groningen, Djakarta) von 1956? Rücken leicht lädiert, nichts, was sich nicht mit einem Streifen Hansaplast flicken ließe. Preis steht im Bild.

Sonst kommt’s ins Altpapier. Da kenn ich inzwischen nix mehr.

[Und genau dort ist es zwischenzeitlich gelandet.]