Ozeanische Gefühle

Die Gattin entstammt ja einer ostfriesischen Agrariersippe, die praktisch seit Erfindung des Deichbaus dem Meer abgerungene Scholle beackert hat, direktemang hinter der Wasserkante. Ich als unbedarfter bergischer Neuzugang hatte daher eine innigliche Verbundenheit der Familie zur Nordsee erwartet. Pustekuchen. Nur einer ist je auf die See hinausgefahren: der Gattin Großvater im Winter ’29 mit dem schweren Daimler über das vereiste Watt nach Norderney. Ein Stunt, von dem die Großmutter der Überlieferung zufolge wenig angetan war. Inzwischen habe ich gelernt, dass Marschbauern in der Regel entschiedene Landratten sind. Von der See erwarten sie nur eines: Dass sie hinter jenem antimaritimen Schutzwall bleibt, der die anrollenden Wogen von der Agrarindustrie fernhält, und die Felder in Ruhe lässt. Läge das große Wasser 100 Kilometer weit entfernt, die innere Distanz könnte nicht größer sein.

In der OstermarschIn der OstermarschIn der Ostermarsch

Insofern ist der Deich nicht nur wasserbautechnisch eine veritable Verdrängungsleistung. Wer fragt, warum man sich die, nicht nur in Zeiten steigenden Meeresspiegels, letztlich prekäre Situation antut, darf sich einen längeren Vortrag über den »guten Kleiboden« anhören.

Am DeichAm Deich

Dass der Deich nicht die lieblichste aller Landschaften ist, wusste ich hingegen schon aus Konfirmandenfreizeitstagen. Küste, wie sie sich Hennes Klein vorstellt – Sand, Strand, Erfrischungsgetränke, nackige Weiber, heißer Sex in den Dünen Spiel, Spaß und Entspannung für die ganze Familie –, findet sich auf Norderney, Baltrum und Konsorten. Die ostfriesischen Inseln sind nicht der Küste vorgelagert, sie sind die Küste.

Nach Norderney

Es gibt nur wenige geographische und, so mein Eindruck, soziale Berührungspunkte zwischen der Welt der Marschbauern und jener der Küstenbewohner. Zu letzteren gehören auch die Fischer aus den Sielhäfen (jenen kleinen Orten, wo die Verteidigungslinie buchstäblich durchlässig ist, das aus dem unter Normalnull gelegenen Hinterland gepumpte Nass bei Niedrigwasser durch Deichtore ins Meer entlassen wird). Da ist es schon eine mittlere Sensation, wenn jetzt der Gattin Nichte in eine Greetsieler Krabbenfischerdynastie einheiratet.

Räumlich hingegen ist die Kluft zwischen den beiden Welten gar nicht mal so groß: Trete ich in klarer Nacht aus dem Karnhaus [1] in den Garten des schwiegerelterlichen Anwesens (um mal einen im Fränkischen beliebten Ausdruck zu bemühen), steht nicht nur der Sternenflimmer über mir – sondern alle 12 Sekunden blitzt auch der hochgeschossene Norderneyer Leuchtturm durchs Dunkel herüber. Luftlinie sind das nur ein paar menschenleere Kilometer. Im Alltag ist es allerdings extrem zeitaufwendig, die Distanz zu überwinden (so nicht gerade Frost herrscht). Es gilt eine Hürde wortwörtlich zu umschiffen – was leicht in einen Tagesausflug ausarten kann.

WattWatt und Norderney

Zwischen Seedeich und Inseln liegt nämlich eine Art Niemandsland, für das gilt: Betreten verboten. Selbiges ist bekannter unter der Bezeichnung »Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer« und seit neustem Weltnaturerbe. Wie darf man diese Entscheidung der UNESCO einschätzen, wenn nicht nur der Landesminister für Umwelt seine Begeisterung darüber kundtut, sondern sogar der für Wirtschaft? Und beide obendrein der FDP angehören? Wer die in der Regel wohlwollend aufgenommenen Begehrlichkeiten vor Ort mitbekommt (Marinas, Golfplätze, Kohlekraftwerke) und die Bagger der Energiekonzerne im Schlick wühlen sieht, möchte das für einen Coup der Tourismusförderung halten, eine Instrumentalisierung des World Heritage Committees.

Baustellenschild bei Hilgenriedersiel

In Nähe der erwähnten Häfen sind vor etlichen Jahren teilweise Sandstrände angespült worden, welche nordrheinwestfälische Sommerfrischler davon abhalten sollten, per Fähre auf die Inseln überzusetzen. Charmemäßig können die mit jedem Ruhrgebietsfreibad locker mithalten (und die meisten haben, um das Erlebnis zu vervollständigen, sogar ein Kassenhäuschen). Kein Wunder also, dass Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Jahren leichtes Spiel gehabt hat.

Bensersiel

Apropos Begehrlichkeiten: Ich bin ja auch nicht frei von der Sehnsucht nach dem Meer. Da macht es mich schon hibbelig, wenn der richtige Strand so nah und doch so fern ist. Aber unsereins ist ja nur in zweiter Linie zum Ferienmachen hier; angesichts allerlei gesellschaftlicher Pflichten bleibt für tagesfüllende Exkursionen keine Zeit, man will ja nicht als völlig antisozial erscheinen. So sitze ich manchmal im Garten der Schwiegereltern und halluziniere mir nach der siebten Tasse Tee (when in Rome …) eine schnelle feste Querung durchs Watt nach Norderney, minimalinvasiv, nur für Radfahrer und Fußgänger, einen schmalen Holzsteg auf Stelzen. Wenn ich was zu sagen hätte … Auch wenn eine Brücke dem Status als Welterbe abträglich ist: Verhindert würde sie wahrscheinlich nicht durch die hier eher schwach bis handzahm agierenden Naturschutzverbände, sondern von der örtlichen Monopolfährgesellschaft, die in der Stadt Norden als größter Arbeitgeber einigen politischen Einfluss hat.

Das Dolle ist: So eine Verbindung querwattein zwischen Marsch und Insel gab es einst tatsächlich, von Hilgenriedersiel aus, einer winzigen Ortschaft wenige Kilometer östlich von meiner Gartenwarte. »Fest« als Attribut dafür ist wohl übertrieben, »prekär« träfe es eher, auch wenn sie zumindest teilweise eine Grundlage aus Backsteinen hatte. Seit 1844 verkehrte darauf nach publikem Plan der Ponyexpress die Post des Kaisers und anderer Dienstherren, hundert Jahre lang, anfangs sogar mit Personenbeförderung. Weil dabei nicht nur die Hafermotoren der Kutschen absoffen, wenn der Weg mal wieder unter dem Wasserspiegel lag, wurde der Verkehr peu á peu auf die Schiffe besagten Fährunternehmens verlagert, und somit zehn Kilometer westwärts, nach Norddeich. Inzwischen ist Schlick über die Sache gewachsen, von der Schneckenpost ist nur noch die Schnecke übrig.

Naturstrand

Das Dorf Hilgenriedersiel ist schon seit langem nicht mehr Schnittstelle von Wasser und Land. Nach diversen Baumaßnahmen liegt die Handvoll Häuser etliche hundert Meter hinter der Deichlinie. Dafür hat es die neue Grenze zwischen den Landschaften in sich, und es sind nicht unbedingt die Schnecken, für die wir die Räder aus dem Stall holen (buchstäblich) und die 20 Minuten zum Nachbarort strampeln.

Vorm Deich dort befindet sich nämlich die einzige Stelle an der ostfriesischen Nordseeküste, die nicht mit Beton oder Sand zugekippt worden ist. Sondern es liegt dort eine weite, nicht vor Sturmfluten geschützte wilde Wiese: Ein Nichtsandstrand, der eine Ahnung davon aufkommen lässt, wie in Ostfriesland der Übergang von Land zu See vor vielen Jahrhunderten ausgesehen haben muss. Wasserkante im Wortsinne: Das Festland reißt plötzlich ab, eine Stufe im Gelände, Miniaturausgabe einer Canyonwand.

NaturstrandNaturstrandNaturstrand

Betreten ist hier offiziell erlaubt, nicht nur der Salzwiese, sondern auch des Wassers, beziehungsweise des Schlicks, wenn jenes gerade mal wieder nicht da ist. Eine legitime Badestelle ohne jegliche Infrastruktur, soll heißen: Keine Würstchenbude, kein Eisstand; weder Strandkörbe noch Pipilette; kein Bademeister, der wettert, dass der Ball zu verschwinden habe; und nur ein gutes Dutzend zudem weitabgelegene Parkplätze.

Und wenn ich mir die Nummernschilder der dort abgestellten Kutschen so ansehe: Die ganze Veranstaltung scheint nur bei wenigen eingeweihten Hardcore-Hinterlandsurlaubern bekannt zu sein, Kennzeichen aus dem Kreis Aurich und Ruhrgebietsgemeinden halten sich zahlenmäßig die Waage. Und bei den Einheimischen scheinen die Hundehalter zu dominieren, die hier ihre Töle Seeluft schnuppern lassen. Denn auch bei den Marschbewohnern dünkt mir das Fleckchen nur vage präsent; so mancher wird erst jüngst aus den dpa-Stories anlässlich der Erhebung in den Welterbe-Rang davon erfahren haben. Wir selbst sind auch nicht durch Hinweise aus gut informierten Familienkreisen hier angelandet, sondern weil ich als Ortsfremder orientierungshalber mal einen Blick in die Kartenwerke zur Region geworfen habe.

Ohne Skrupel also können wir hier das ungemähte, struppige Gras rascheln hören, die Seevögel schreien. Wir wissen ihre Namen ebenso wenig wie der derben Blumen, die hier blühen. Das Watt knistert, die Krebse huschen über den Schlick, die See gluckert und rauscht. Wind zerzaust die Haare (sofern noch vorhanden), lässt die Jacken knattern und die Ohrmuscheln dröhnen. An stilleren Tagen breiten wir die Picknickdecke aus (nachdem das Gras auf Tretminen hin inspiziert wurde), lassen uns die Sonne auf die weißen Bauch prasseln, schlagen nach den Summern und Brummern, grüßen das unbekannte Frauchen des (verbotenerweis) frei herumstöbernden Hundes mit einem strammen »Moin!« und finsterem Blick. Wenn die Sonne sinkt, ihr Licht uns auf dem grauspiegelnden Watt blendet, räumen wir unseren Kram in die Beutel zurück und entfernen uns spurlos vom Strand. Führt die flache Rinne draußen genügend Wasser, schiebt sich noch die »Frisia III« weißleuchtend durchs Geflimmer, vom hell ausgeleuchteten backsteinroten Baltrumer Westdorf vor der zum Greifen nahen Kulisse Norderneys, Richtung Norddeich, dem Ende des Tages entgegen.

Am Naturstrand

Der Hilgenriedersieler Naturstrand ist vielleicht nicht the real thing, und ganz sicher keine Wellness-Location. Und auch wenn der freie Blick auf die hohe See samt ihrer gen Hamburg strebenden Containerkähne durch die Insel verstellt ist, man sich eigentlich eher am Ufer eines breiten Flusses wähnt – nirgendwo sonst an der fast 150 Kilometer langen Deichlinie zwischen Emden und Wilhelmshaven kann man der Nordsee so nah sein, ohne dass das Auge unterm Beton leiden muss.

Dabei, so meine durch nichts belegte Vermutung, wird dieser Küstenabschnitt in erster Linie freigegeben worden sein, um jene Einheimischen (alteingesessenen, zurückgekehrten, neu zugewanderten) hierhin zu kanalisieren, die ansonsten aus vermeintlichen anrainermäßigen Großvaterrechten wild ins Wasser steigen würden, wo es ihnen gerade am Deich passt. Bei aller Wasserfeindlichkeit will nämlich selbst der Marschbewohner im Sommer zuweilen Abkühlung in den Fluten suchen.

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Zu besonderen Anlässen allerdings nimmt man die Verstimmung der Familie schon mal in Kauf. Dann schwingen auch wir uns auf die Fähre, lassen das Festland zurück und lustwandeln am richtigen Strand entlang.

Am Strand von Norderney

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[1] Das Wort jetzt bitte nicht in der Wikipedia nachschlagen. In Ostfriesland wird damit jener Teil des Bauernhauses bezeichnet, in dem früher gebuttert (= gekarnt) wurde.

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