Im Kreise seiner Lieben

The real thing. Schmecken nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern im ganzen Kirchenjahr. Oder auch ohne konkreten Anlass. Zum Tee, als Nachtisch. Weswegen unsere einstigen Nachbarn die Dinger nicht nur in den Monaten herstellen, die auf R enden, sondern auch in den anderen. Handarbeit, leicht windschief (fränkisch halt). Haben mit den »Nürnberger Lebkuchen« aus dem Supermarkt so viel zu tun wie belgische Pommes mit 1-2-3-Fritten. Und die geschmackliche Antithese zum Fischbrötchen sind sie sowieso.

Ihretwegen bin ich meinem alten Grundsatz untreu geworden, nur vor Ort, im Laden zu kaufen. Ob Pizzataxi oder Amazon: deren Werben ist bei mir vergeblich. Die Elisen aber hat die Post gebracht; ein Päckchen, nicht »nach Drüben«, sondern in den Norden, Mangel abzuhelfen. Leider war darin nicht der Duft, der aufs Viertel um den Fenitzerplatz sich legt, wenn die unabdingbaren Gewürze gemahlen werden, durchaus in der Julihitze, winter in summertime. Ansonsten aber: honigklebrige Nussseligkeit.

Geschenkt

Nachdem die Mitarbeiterin des »Kundenzentrums Fuhlsbüttel des Bezirksamts Hamburg-Nord« unsere Angaben zum neuen Wohnsitz vom am heimischen PC ausgefüllten und dann ausgedruckten Formular-PDF händisch in die Maske des Einwohnerverwaltungsprogramms übertragen, den Obolus kassiert und die Personalausweise mit der neuen Adresse beklebt hat, strafft doch noch ein Lächeln den Fältchenkranz um ihren Mund – nämlich als sie uns das abschließend aus irgendeinem Kabinett hervorgekramte Büchlein herüberreicht und ich das mit einem »Und ich wollte schon fragen, wo unsere Begrüßungsgeschenke bleiben« quittiere.

Die Noris hatte uns vor einem Jahr mit Morgengaben überhäuft – Gutscheinen für Zoo, Museen und Stadtbibliothek –; und auch der örtliche Mittelstand hatte sich mit auf den Neubürger mehr oder minder zugeschnittenen Rabattofferten nicht zurückgehalten. Klar war das billiger Kundenfang, aber eben auch, zumal städtischerseits, eine Einladung zur Partizipation. Und vor allem: Eine nette Geste.

Hier in Hamburg wird einem nichts geschenkt. Und bleibt einem nichts erspart. Das Büchlein entpuppt sich schnell als Propagandaschrift eines Stromoligopolisten, die an ein ebenfalls privat produziertes Städtetippsammelsurium gestöpselt wurde. Von anno 2008 natürlich, sodass wir schön nachlesen können, welche Superspitzenevents wir letzten Winter sowieso nicht besucht hätten. Die praktischen Umzugsratschläge kommen nicht minder aweng spät. Und während man uns überall in dem Büchel die bunte Vielfalt des Hamburger Lebens andient, wird darin wie selbstverständlich nur ein einziger Elektrizitätsversorger erwähnt.

Beim Durchblättern wird schnell deutlich, warum die Kommune sich so knickrig gibt, geben muss. Sie besitzt nämlich praktisch nichts (mehr), kann uns deswegen auch an nichts teilhaben lassen. Alles profitcentermäßig in irgendwelche zur Kostendeckung verdammte selbstständige GmbHs ausgelagert oder gleich komplett verscheuert, zum Beispiel an obigen Saftladen. Und der produziert eben keine Nestwärme.

Allerdings ist seine Kalkulation auch nicht aufgegangen. Wir sind auf sein Danaergeschenk nicht hereingefallen. Er hat uns nicht hinter jenes Licht führen können, das von seinem Strom aus Krümmel oder bald Moorburg gespeist wird. Wir haben einen anderen Anbieter vorgezogen. Und was soll ich sagen: Von dem gab’s zum Einstand einen 1a Trainspotter-Stoffbeutel. Woher kennen die mich?

(Wären wir eine Woche später umgezogen, hätten wir uns womöglich der Stadt angeschlossen, wer weiß. Denn inzwischen hat sie gemerkt, dass es vielleicht ein Fehler war, sich versorgungstechnisch aufzugeben, und eine Art Stadtwerke 2.0 neugegründet. Leider haben die den Betrieb wenige Tage zu spät für uns aufgenommen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Lasst mal was rüberwachsen.)

Kranke Häuser

Ich hatte ja gehofft, mit Nürnberg auch die Nazis hinter mir zu lassen. Genauer: deren Bauideale. (Die Resultate kann man nicht nur in Form der Ruinen rings um den Dutzendteich besichtigen, sondern immer noch auch in der Altstadt.) Und was haben wir nun hier in Hamburg quasi vor der Haustür stehen? Eine Kaserne der Waffen-SS:

Und die maroden Landesbanken kleben uns anscheinend auch wie Scheiße an den Hacken.

Ratwege

Ein Jahr lang ist er mir treuer Begleiter gewesen und sieht inzwischen ein wenig, ahem, mitgenommen aus: der Fahrradstadtplan.

Fahrradstadtplan NürnbergGenau der richtige Zeitpunkt also, ihn auf den Rand zu stellen.

Ich habe ja viel mit Nürnberg gehadert, aber dieses Mammutblatt aus städtischer Eigenzüchtung verrät einem tatsächlich erschöpfend, wie man die Feindberührung minimieren kann. Insofern waren das vier gut angelegte Euros. Per Velozipedes kommt man hier sowieso am schnellsten voran. Das liegt zum einen daran, dass die Stadt ziemlich kompakt gebaut ist, auf pfannkuchenplattem Gelände. Zum zweiten gibt es an den Hauptverkehrsadern fast durchweg Radstreifen. (Alles völlig neue Erfahrungen, wenn man aus einer zerfransten, bergigen Stadt kommt, in der man das Rad eigentlich nur als Sportgerät benutzen kann und ansonsten viel Zeit damit verbringt, auf den Bus zu warten.) Und last not least hat sich das zuständige Amt bei der Freigabe von Einbahnstraßen in Wohngebieten nicht lumpen lassen. Verhältnisse, wie ich sie vor zehn Jahren noch nur aus den Niederlanden kannte, neidisch die „uitgezonderd-fietsen“-Zusatzschilder bestaunend:

Radfahren

Insofern wundert es mich, dass hier nicht mehr Leute auf ihr heiliges Blechle verzichten. Aber vielleicht sind die Besitzer all der Kisten, welche die Bürgersteige verstellen, ja just mit dem Radl unterwegs, biergartenwärts.

Parken

Gerechterweise sei gesagt, dass die oben abgebildeten Gefährte insgesamt vorschriftsmäßig geparkt sind – die Stadt hat dazu wieder ein ganzes Bestiarium von Schildern in die freie Wildbahn entlassen:

Schräg parken

Gut, man muss vielleicht nicht den Bordstein als Anschlagkante für die Vorderreifen benutzen, wenn die Schnauze einen Meter in den Gehweg ragt, hinter der Fott aber noch dieselbe Spanne Platz ist. Aber insgesamt manifestiert sich da das Problem, dass in den letzten Jahren der Parkraum nicht im selben Maß gewachsen ist wie die Produkte der Autoindustrie. Und damit meine ich nicht mal die Menge der zugelassenen Fahrzeuge, sondern das schiere Volumen der einzelnen Gefährte. Und durch die Abwrackprämie hat sich die Situation im letzten halben Jahr nochmal deutlich verschärft. Die Freude des jungen Mannes, endlich die parkenden Wagen zu überragen und den Blick schweifen lassen zu können, hat nur kurz gewährt. Inzwischen bewege ich mich zu Fuß wieder in – enger gewordenen – Schluchten mit Wänden aus Blech und Stein. Allein das ein Grund, aufs Rad zu steigen. Letztlich muss sich die Stadt, hader hader, allerdings etwas anderes als obige Verlegenheitslösungen einfallen lassen, um nicht unter den Automassen zu ersticken. Alle drei Jahre zwei U-Bahnstationen zu eröffnen reicht eher nicht aus.

Eigentlich wollte ich aber ganz was anderes erzählen: Nämlich dass mir drolligerweise wirklich jedes Mal, wenn ich coram publico den Fahrradstadtplan gezückt habe, um die weitere Route zu eruieren, wildfremde, zufällig passierende Pedaleros abrupt bremsend ihren Beistand angetragen haben. Auf Hochdeutsch oder im mumpfigsten Dialekt, LKW-Planen-Taschenträger mit rosa Hemden ebenso wie verknitterte Mütterchen mit Bäuerinnenkopftuch. Dutzende Male ist mir so geschehen. Wo dem Franken als solchem doch der Ruf anhängt, ausgesprochen stieselig zu sein. Diese spontane Zutraulichkeit ist auch und gerade in ihrer Zuverlässigkeit ein mittleres Mirakel, das mich ebenso verstört wie positiv überrascht. Um auch mal was Nettes über Nürnberg zu sagen.

Heute bau, morgen bau

Bisher hatte ich ja immer unser dichtbesiedeltes, lebendiges Viertel ob der gleichzeitigen Abwesenheit unsinnigen Lärms gepriesen. Ab und zu dreht mal einer an der Stereoanlage durch, maximal. Nachdem allerdings heute morgen die fünfte Baustelle in meiner unmittelbaren Umgebung eröffnet wurde und mich der Radau allmählich raderdoll macht, nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil.

Baustellen
l.o.: Nachbarhaus; l.u.: schräg gegenüber rechts; m.: Hinterhaus Rückseite; o.r.: schräg gegenüber links; u.r.: Hinterhaus.

Und sonntags packen dann die jungen Mütter ihre Brut samt Bob-der-Baumeister-Utensilien in die Hinterhöfe und brüllen sie im greinendsten fränkischen Tonfall an. So langsam wird es Zeit zu gehen.