Chronisches IV

2008: The year that »Schönentachnoch!« broke. Vor kurzem noch eine Floskel allein der Schnorrer in den Fußgängerzonen, jetzt im Mainstream angekommen.

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Matratzengeschäfte sind meiner unmaßgeblichen Meinung nach irgendwo zwischen Orientteppich- und Gitarrenhändlern anzusiedeln.

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Was man auf den Schnellfahrstrecken der Bahn an Zeit gewinnt, wird man beim immer umständlicheren Fahrkartenerwerb locker wieder quitt. Schon weil einem die Verkäufer immer mehr andrehen sollen. »Einzeln oder als Menü?« Reiseversicherungen. Demnächst vielleicht noch Lottoscheine, wie bei der Post. Oder Kaffeemaschinen, Handyverträge oder Damenunterwäsche. Die Privatisierung wird da noch für Überraschungen gut sein. Und für diesen Service wird man bald auch noch einen Aufschlag bezahlen müssen.

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Ich hätte da noch ein paar Vorschläge zur Erlösoptimierung für dich, Deutsche Bahn:

  • »Dieser ICE wird ihnen präsentiert von Gazprom.« (Variante für den Nahverkehr: »Dieser LokschadenDiese Verzögerung im Betriebsablauf wird ihnen präsentiert von Recycling Bender.«).
  • Energiezuschlag, wie bei Fliegers. Überhaupt: Den Fahrpreis noch weiter zerlegen. Zum Beispiel per Zugangsstellennutzungsgebühr, natürlich nicht pauschal, sondern an den Stationspreislisten orientiert.
  • Die gute alte Platzreservierung begleitet von massivem Marketinggeschwurbel in SeatGarantie umbenennen und den Preis dafür verdreifachen. Bei unveränderter oder leicht verringerter Leistung.
  • Auch im Fernverkehr lassen sich die Zugbegleiter bestimmt wegrationalisieren. Stattdessen am Bahnsteig oder in den Einstiegsbereichen der Waggons Self-Check-in-Terminals aufstellen. Die entsprechenden Geräte könntest du dir bestimmt vom BMFT bezahlen lassen, weil wegen total innovativem Pilotprojekt (Exportchancen! Siemens liefert sowas bestimmt gerne, d.h. sie werden es versuchen).

Da geht bestimmt noch einiges. Mehr Phantasie, bitte!

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Apropos Einwohnermeldeämter: Wie kann man bitteschön so eine Software mit einem Standardpasswort ausliefern (und das dann noch veröffentlichen!), und darauf setzen, dass der Kunde die Zugangsdaten schon verändern wird, nur weil das so in der Gebrauchsanweisung steht? Seit wann werden Handbücher auch gelesen? Das muss man als Softwarehaus doch wissen. Soviel zum Thema »Private können es besser«.

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Dass die Forderung nach einem neuen Klassenwahlrecht (genauer: Zensuswahlrecht) so schnell kommt, also nicht nur hinter der Hand, hätte ich dann doch nicht gedacht. Aber bei diesen JU-Typen wundert mich sowieso nix.

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Was mir auch auf die Nerven geht: Die Selbstbezichtigungen von 68er-Renegaten.

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Wenn jetzt selbst mein Mütterlein gemerkt hat, dass Tapeten wieder wie in den 70ern aussehen, bin ich sehr zuversichtlich, dass der Spuk noch binnen Jahresfrist vorbei ist. Gleiches gilt für diese LED-Gartenleuchten.

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In einem unbekannten Land, Miszelle

Die Nürnberger Nachrichten bestätigen mir, dass auf mein Wahrnehmungsvermögen doch noch halbwegs Verlass ist – die Stadt ist tatsächlich sehr ungrün:

Im Vergleich mit zehn deutschen Großstädten landete Nürnberg auf dem letzten Platz. […] Während in Karlsruhe 5,7 Einwohner auf einen Straßenbaum kommen, sind es in München 13 und in Nürnberg 21,7.

Chronisches III


Concerto - Plattenladen in Amsterjam

Zum ersten Mal seit ichweißnichtwann habe ich auf einen Rutsch eine größere Summe für CDs ausgegeben. Erschreckend, dass man dafür inzwischen in die Niederlande fahren muss, weil es (wenn man mal vom Kölner Saturn absieht) hier im Westen einfach keine Läden mit enzyklopädischem Angebot mehr gibt. Nur Sektierer und Stapelwarenanbieter und Vorratsdatenspeicherung.

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In einem Punkt haben Online-Anwendungen ihren Desktop-Pendants gleichgezogen: Sie starten inzwischen genauso zäh.

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Schlampig bis gar nicht lektorierte Bücher zu übersetzen ist auch keine reine Freude.

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Verwirrte Tomate, blüht zum dritten Mal in diesem Jahr:

Tomatenbüte im Herbst

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»Dauer-Spezial«. Wie beim Handy-Höker in der Stadt, seit Wochen »Nur heute: Keine Grundgebühr!« Das einzige, was sich bei der Bahn nicht verschlechtert hat, ist das Marketing.

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Allmählich kann ich keine abfotografierten Köche – zum Beispiel an Löffeln leckend – mehr sehen. Und das, obwohl ich höchstens zwei Mal im Jahr fernsehgucke (bei Burger King).

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Eigenverantwortung ist das Gegenteil von Selbstbestimmung.

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Laminat = Fototapete für den Fußboden.

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Auch der Freitag ist Markttag:

Chronisches II

Vier Netzgeräte unterm Schreibtisch sind drei zu viel. Mindestens. Niedervoltunterputzinstallation now!

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Aus Briefen an die Redeaktion:
»Neu! Eis-Taxi« Jetzt braucht ihr auch nicht mehr kommen. Wo wart ihr im April, als wir euch gebraucht hätten?

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Nun hätte die barmende Industrie Gelegenheit zu erkennen, warum sich das Bürgertum – Abwägungsfrage – einst jenen Beamtenstaat, der den neoliberalen Barbaren in ihrer Kurzsichtigkeit zu teuer geworden ist, geleistet hat – unter anderem nämlich, weil zum Streik nicht berechtigte Lokführer weniger beim Geschäftemachen stören können.

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Aus der Kalauerwerkstatt:
Sie: »Ich werde immer fetter!« – Er: »Daran ist schuld die Cuisine.«

Chronisches

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Aus Briefen an die Redaktion:
Ein Versender amerikanischer Freizeitbekleidung bittet per dem neusten Katalog beigelegtem Fragebogen „herzlich um Ihre Mithilfe“. Frage Nummer 28 lautet: „Welche Automarke fahren Sie?“. Als ankreuzbare Antwort ist allerlei von „Alfa Romeo“ bis „Volvo“ vorgegeben, alternativ „andere“. „Keine“ kommt nicht vor. Entweder gehören wir nicht wirklich zur Zielgruppe, oder so Freaks wie unsereins sind in deren Köpfen nicht mal vorstellbar.

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Das ging ja schnell: Die Pächterin des Bunkers am Alten Markt hat schon das Handtuch geworfen (woran uns nur der frühe Zeitpunkt überrascht).

Wer da für uns umbaut, verrät die »Wuppertaler Rundschau« vom 10.11.2007: Es entsteht

Wuppertals dritter „Burger King“ mit dann rund 75 Sitzplätzen. In Verbindung mit dem auf dem Frowein-Gelände am Rande der Elberfelder City geplanten „McDonald’s“ Nummer vier wir die Fast-Food-Landschaft in Wuppertal damit zukünftig noch vielfältiger.

Ich frage mich immer noch, ob der Satz nicht vielleicht doch sarkastisch gemeint sein könnte.

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Heute ist es mir mit Feedity und Yahoo Pipes gelungen, RSS-Feeds für Historisches Forum und Newsforum von Drehscheibe Online zu basteln. Damit kann ich den Bahnkindergarten endlich aus der sicheren Distanz des Feedreaders betrachten. (Caveat: Feedity erhöht das Rauschen dann wieder durch Reinkleistern von reichlich Reklame. Da ich meine Feeds mit Google Reader abhole und AdBlock plus die Werbeschnipsel nicht reinlässt, ist mir persönlich das allerdings schnuppe.)

[Edit: Kaputt.]

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Was schlimm ist: Mangbrot im Haus haben, aber keine Alpenvollmilchcreme.

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Neues vom Chichi-C:

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Am Montag ist Neil Young 62 geworden. Anlass für eine kleine Werkschau im heimischen CD-Player: „Time Fades Away“ ist großartig, „On the Beach“ überbewertet, „American Stars ‚N Bars“ gar nicht mal so schlecht, wie oft getan wird, „Comes a Time“ eine ganz scharmante Mädchenplatte, „Live at Massey Hall“ ein Mirakel, während „Chrome Dreams“ eher in die Kategorie „interessant“ fällt.