Wish the World Away

Das Gebäude 9 ist ein Loch. Dagegen ist die Kantine eine Luxuslocation. Man wähnt sich in die Tage von Hausbesetzungen und soziokulturellen Zentren zurückversetzt, als in Abbruchbruchimmobilien Gegenkultur gemacht wurde. In Coffeebar- und Edel-Currybuden-Zeiten hielt ich dergleichen für ausgestorben. Letztlich ist es wohl ebenso billige Simulation und Fälschung der Vergangenheit, mithin Farce, wie ein Großteil der sogenannten »Indie«-Musik (Ende des Monats spielt zum Beispiel die Band of Horses, welche bei Sub Pop veröffentlicht, einem Label das inzwischen fast hälftig der Warner Music Group gehört). Die Praktikumsversion eines Theaters.

Welch Gegensatz zu meinem letzten Konzert, Ryan Adams & The Cardinals im Amsterdamer RAI-Theater, mit livrierten Platzanweisern, pipapo. Der eigentlich bürgerlichem Schwanensee-Publikum zugedachte Saal war zugegebenermaßen ein steriler Stimmungstöter, aber witzigerweise hat das Ticket sooo viel mehr auch nicht gekostet.

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Zwei für’n Preis von einer: Es gibt eine Vorband. „The music of Bee and Flower
(Berlin/NYC) envelops the listener into an intimate, luxurious and orchestrated world, filled with moody strings, piano, percussion, ghostly slide guitars, and lush female vocals. Bee and Flower brings together elements of classically-arranged film-score soundtracks with well-crafted rock songwriting, creating a bold, unique and fluid style.“ Rhabarber. Amerikaner in Berlin, wie in den 20ern. Mir graut bei dem Gedanken an das, was danach kommt.

Von der Bühne kommt jedenfalls eine Mischung aus kleiner, dunkler Frau, gegen die Erwartung gerichteten Akkordfolgen und verwehter Grandezza (mit anderen Worten: Polly Jean Harvey, Do Say Make Think und Bad Seeds). Ich finde das anders als meine Begleiter gar nicht mal so schlimm. Allerdings trägt die nicht ganz intonationssichere Stimme der Sängerin (die obendrein im Mix untergeht) das alles nicht recht, öfters wirken Songwriting und Arrangement ratlos bis forciert, der letzte Druck fehlt, da hilft auch der spleenige Keyboarder im Dreiteiler nicht. Zudem hakelt es im Ablauf, kommt kein Fluss rein – weil man zwischen den Stücken Instrumente tauschen muss und obendrein peu à peu das Equipement zusammenbricht. Irgendwann kehrt man die Reste zusammen und ich verabschiede mich zum Pinkeln in die erste Etage (erwähnte ich schon, dass das Gebäude 9 ein Drecksloch ist?). Ich befürchte, Bee and Flower werden nie jemand anderem als ihrem Nukleus aus Sängerin und Keyboarder wirklich wichtig sein.

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Der Umbau geht zügig vonstatten, da Drums und Amps wiederverwendet werden. Und dann steht auf der Bühne eine Band, die von ihrem Sänger als Wish the World Away angesagt wird, einer American-Music-Club-Cover-Band. Das ist zum einen natürlich die übliche Selbstironie und -herabwürdigung besagten Sängers namens Mark Eitzel, andererseits aber auch nicht ganz falsch, da vom AMC der 80er/90er nur noch zwei alte Männer an den Gitarren übrig sind. Der Rest wird durch zwei muskulöse blonde Jungspunde aufgefüllt. Irgendwie fühle ich mich an die gegenwärtige Bunnymen-Inkarnation erinnert.

Es ist das vierte Mal, dass ich die beiden live sehe. Die anderen drei Mal hieß der Ort Luxor (später Prime Club, heute wieder Luxor genannt), zu Beginn der 90er. Beim ersten Mal im Februar ’92 war der American Music Club eine Band, die gerade richtig zusammengefunden hatte, in der letzten Besetzung mit Dan Pearson am Bass und Tim Mooney an den Drums, klanglich zusammengekittet von Bruce Kaphan an Keyboards und Pedal Steel. Nach dem Album Everclear war die Band fast angesagt, die Musikpresse überschlug sich, auch wenn die LP unter der etwas breiigen, verhallten Produktion litt.

Beim zweiten Mal im April ’93 war Mercury wenige Tage vorher erschienen, das Publikum kannte die Songs nicht, und auch die Band hatte noch mit den verfrickelten, sperrigen, drögen Arrangements zu kämpfen, die man sich im Studio unter der Aufsicht von Mitchell Froom für das neue Material gestrickt hatte. Der Vorschuss des Majors war offensichtlich für seltsame Instrumente und Anzüge ausgegeben worden.

Beim dritten Mal im Oktober ’94 konnte man eine Band im Zerfall erleben, Bruce Kaphan war just ausgestiegen, Songs von Engine kamen in der Setlist nicht mehr vor, und auch Firefly von California fehlte auffallend. Ein freudloses Konzert in leicht beklemmender Atmosphäre. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass die Pedal Steel für mich immer den besonderen Reiz dieser Band ausmachte (ähnlich wie bei den Cardinals heute, Graboff!).

Nun also, fast 15 Jahre später (huch!): Wish the World Away. Trotz Rezensionen in Brigitte & Co. interessiert die Band eigentlich niemanden mehr so richtig. Die neue Platte The Golden Age finde ich durchaus gelungen, der Klang ist prägnant, doch mäandern vielleicht zu viele Stücke ziellos dahin, wispert Mark Eitzel zu viel, statt zu singen, und vor allem fehlt das eine Stück, wegen dem man die CD immer wieder in den Schlitz schieben möchte.

Eitzel stolpert wie eh und je ungelenk auf der Bühne herum, ist noch immer ein Bewegungslegastheniker, Verkörperung der Selbstunsicherheit. In den Pausen zwischen den Songs befürchte ich mehr als einmal, dass er gleich von der Bühne hampelt. Ständig hat er Tuck mit Kabeln und Pedalen. Aber zugleich ist er mit seiner Selbstironie großer Clown und Komiker. Äußerlich hat er sich der Umgebung angepasst: er trägt eine löchrige, fleckige, formlose braune Wollhose. Und auch Vudi sieht aus, als käme er gerade vom Gärtnern. Neu ist mir, dass er gar nicht mal die sture, rätselhafte (um das Wörtchen »enigmatische« zu vermeiden) Figur am Bühnenrand ist, als die ich ihn aus der Entfernung bisher immer wahrgenommen hatte: Da steht noch ein Komiker auf der Bühne, wenngleich von der trockenen, verschmitzten Sorte, Abteilung Schalk im Nacken. So ein Stehplatz in der ersten Reihe hat doch seine Vorteile (obwohl der Sound hinten besser gewesen sein dürfte). Die beiden Neuen gucken dem unprofessionellen Treiben der Alten bisweilen irritiert-verzweifelt zu, hilflose Blicke, als Eitzel unvermittelt Bad Liquor anstimmt, das sie offensichtlich nicht kennen. Sie geben sich alle erdenkliche Mühe die Kiste zusammenzuhalten, auf der der Sänger in munterem Zerstörungstrieb herumhüpft.

Wenn jener sich dann soweit sortiert hat, dass er das nächste Lied zu spielen beginnt, verpufft das Chaos schlagartig. Ohne Verhaspeln pickt sich Mark Eitzel durch seine eigenwilligen Akkordgebilde, Vudi holt dazu die merkwürdigsten Licks und schwebenden Sounds aus seinem Effektgerätesammelsurium. Und über allem die immer noch taufrische große, einzigartige Stimme, die dem Elend so viel Berückung abgewinnt.

Der Set beginnt ebenso ruppig wie – natürlich – selbstironisch mit Hello Amsterdam, in dem es ja darum geht, wie weit Tun der Band und Erwartungshaltung der Zuhörerschaft auseinanderklaffen, man sich auf der Bühne fehl am Platz vorkommt (ich muss in diesem Moment an das fischkalte Publikum im RAI-Theater neulich denken). Danach geht’s dann getragener zu, die Setlist besteht zu einem Drittel aus neuen Songs, bei den alten Stücken beschränkt sich Eitzel auf die großen, ruhigen Sachen wie Blue and Grey Shirt und Western Sky, das fügt sich alles sehr gut zusammen. Ein zaghaft aus dem Publikum vorgebrachter Wunsch nach Firefly wird nicht mal ignoriert, und Johnny Mathis‘ Feet wird von den beiden Gitarristen im Alleingang mit einiger Emphase zerlegt (samt der extra dafür umgeschnallten Akustikgitarre, was den geplanten Ablauf ein wenig durcheinanderbringt).

Insgesamt ein erfreulich würdiger Auftritt (soweit das beim immer für Fremdschämattacken guten Eitzel möglich ist), mit ein paar Gänsehautmomenten und viel Heiterkeit. Und so viel Begeisterung bei den Zuhörern, dass noch eine Zugabe, die nicht auf dem Zettel steht und bei der sich Sänger und Band prächtig uneins sind, notwendig wird.

Und jetzt versuche ich ganz schnell aus dem Gedächtnis zu streichen, in welchem Umfeld das alles stattfand, beauty amid the ruins.

(Ein paar Dias gibt’s beim Doktor.)

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Plattenumschau 3

R.E.M.: R.E.M. Live

Welch ein sinnfreies, breitbeiniges Gerocke! Michael Stipes Stimme ist völlig zerschossen, er kräht und bellt sich durch die Songs; dahinter hackt die Band sinnlos Holz. Anderthalb trostlose Stunden währt die besinnungslose Bolzerei. Eine klassische Weihnachtsgeschäftplatte.

Neil Young: Chrome Dreams II

Findet noch jemand den Albumtitel bescheuert? Das Album dazu ist nicht richtig schlecht, aber in klanglicher Hinsicht meint man es mit Outtakes von Freedom zu tun zu haben. Von den wenigen Stücken abgesehen, die nach Harvest oder Zuma klingen. »Ordinary People« ist »Someday«, nur 15 Minuten länger. Betagte Keyboard-Sounds, die Drums viel zu weit nach vorn gemischt, die eine Gitarre, die man hören will, dafür zu weit nach hinten. Living With War wurde trotz mäßigen Songmaterials noch durch Ingrimm und Spontanität gerettet. Chrome Dreams II ist nur eine 1a reaktionäre Platte.

Robert Plant & Alison Krauss: Raising Sand

Genaugenommen ist das eine T-Bone-Burnett-Platte. Der Produzent zieht hinter dem Sangesduo seinen Stiefel durch, rumpelige, dicht gepresste, abstrakt-artifizielle Americana, so eine Art finsterer, rootsigerer Jeff-Lynne-Sound. Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschheit den braucht. Was ich allerdings weiß: Die beiden Stimmen finden vor der Klangwand überraschend berückend zusammen. Das allerorten geäußerte Erstaunen teile ich: Der älteste, faltigste und einst aufdringlichste Sack des Heavy-Rocks singt so zurückgenommen, angemessen, unmanieriert und songdienlich im großen amerikanischen Liederbuch herum, dass man es gar nicht glauben mag. Und die Konsens-Bluegrass-Lerche Krauss wächst umgekehrt über sich hinaus. Auch Raising Sand ist eine sehr rückwärts gewandte, antimoderne Platte, aber Burnett ist kein Privatreaktionär wie Neil Young. Manufactum, bloß grimmiger.

Nick Lowe: At My Age

„Pure Pop for Now People“ war gestern. Auf At My Age macht Nick Lowe das, worauf vermeintlich sein ehemaliger Rockpile-Kollege Dave Edmunds spezialisiert war: Er bastelt sich eine musikalische Zeitblase. Wir hören alle Spielformen populärer Musik aus dem Jahrzehnt vor den Beatles, mit einigem Schmiss vorgetragen. Anders als bei Raising Sand (oder dem Dave Edmunds der Mitt-70er) geht es hier nicht um die Reanimation einer »anderen« Tradition, hier staubt jemand seine Privataltertümer ab. Mithin ist auch diese Platte in erster Linie Symptom. Aber bestimmt sind die Texte total gewitzt, und ich habe bloß die Ironie nicht verstanden.

(Die Folge 2 folgt später, für den Fall, dass sie jemand vermisst haben sollte.)

Ausnahmsweise ein Lesebefehl

Man kennt das Phänomen: Die Platte lässt sich gar nicht schlecht an, aber dann erträgt man sie doch nicht über das dritte Stück hinaus, ist genervt, fühlt sich belästigt, erschlagen. Nick Southall erklärt bei Stylus schlüssig, woran das liegt. Ist zwar über ein Jahr alt, aber noch immer gültig. (Und man muss dazu den Musikgeschmack des Autors nicht teilen.)

Plattenumschau

Wilco: Sky Blue Sky

Gemischte Reaktionen allerorten, von Verzückung bis Naja. Standardargument auf Seiten der Verzückten: Das wächst noch. Hustekuchen. Die Platte scheitert indes weniger am Songmaterial als an der leblosen Produktion – steril bis blechdosig, ein dumpfes Klangbild ohne Angriffsfläche, LA-Westcoast von ca. 1977, aus der schlimmsten Periode der Rockmusik. Fender-Rhodes-E-Piano!
Live kam das alles schon weitaus plastischer daher. Die ver- und zerstörenden Momente sind zwar inzwischen berechenbar geworden, aber die Spielfreude auf der Bühne sorgte insgesamt für Beglückung.

Ryan Adams: Easy Tiger

Im ignoranten Haushalt erschallt derzeit nichts so häufig wie Ryan Adams & The Cardinals, keine Band sorgt für so viele Glücksmomente und Lacher. Allerdings nicht mit dieser Platte. Ältere Musikredakteure fühlen sich gerne an Harvest erinnert. Wenn überhaupt ist Easy Tiger viel näher bei After the Goldrush: kleine Lieder, die sich zu einem großen Ganzen fügen. Möchten. Denn auch hier enttäuscht die bescheidene Produktion – das trockene Schlagzeug viel zu laut im Mix und der Rest sehr brav, ohne lose Enden, ohne Raumgefühl. Nirgendwo bekommt man vor Staunen oder Fassungslosigkeit den Mund nicht wieder zu, nie wird das Auge feucht vor Glück und Schönheit, kein »was machen die da?« oder »wie machen die das?« Das alles kann und darf man sich weiterhin auf www.archive.org abholen.

The New Pornographers: Challengers

2007 scheint das Jahr der unterkühlten, zurückgenommenen, runtergeregelten, sturzkonservativen Produktionen zu sein. Drückte einen »Twin Cinema« häufig mit Wucht an die Wand, murmelt man bei »Challengers« ständig »Komm doch!« Und bekommt höchstens ein Glockenspiel an den Kopf geworfen.

Calexico: Toolbox

Hier nun: unerwartete Beglückung. Eine Platte außerhalb des Marktes, weil theoretisch nur bei Konzerten am Merchandising-Stand erhältlich. Kaum Tröten, kein Gesang, kleine LoFi-Intermezzi an der Darmsaiten-Guitarre, die der durchaus Calexico-affinen Gattin ein misstrauisches »was hören wir da eigentlich?« entfahren lassen. Doch in der Hauptsache: ruhige Instrumentalmusik, breit, tief, warm, unaufgeregt, aber dynamisch, bei der Joey Burns‘ Stimme überraschenderweise überhaupt nicht fehlt, bei der man sogar zunehmend dankbar ist, dass er die Klappe hält, und sich fragt, warum er das eigentlich nicht wieder öfter macht.

Cowboy Junkies: At the End of Paths Taken

Kopfhörerplatte. Das ist kein Lob. Cellos mit Wumms, Bläser mit Raum, wahrlich keine einebnende autoradiofreundliche Produktion. Nur agieren Band und Streicher etwas nebeneinander her. Es riecht nach Kunstanstrengung. Die schlichten Cover von »Thunder Road« und »Seventeen Seconds« auf der Bonus-CD neulich waren da viel bewegender.

Do Make Say Think: You, You’re a History in Rust

Tatsächlich eine Platte, die ich öfter als zweimal gehört habe, ohne den Gedanken, ob das live wohl besser klänge. Fällt wohl unter »Post-Rock«, ist aber natürlich Sowas-von-Rock. Immerhin praktisch bluesfrei. Und besteht nicht nur aus überraschungsfreiem 16tel-Noten-Gewoge wie bei Explosions in the Sky. Man ist ja inzwischen für jede Platte, die nur ein bisschen seltsam ist, dankbar.

The Hold Steady: Boys and Girls in America

E-Street-Band mit Sprechgesang statt Geknödel. Will man das? Eher nicht.

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Zuletzt die gute Nachricht für heute: Robert Forster hat in London ein Studio gebucht.

Easy Tiger

Ryan Adams‘ Studioalbenveröffentlichungsfrequenz bietet Schreibern ausreichend Grundlage für substanzlose Textabsonderungen mangels eigener Gedanken: Jammerjammer … Qualitätskontrolle … vielzuviel …heulheul … jeden Ton … wärewirklichgroßwenn … Internet … kwengel …gefühltesiebzehnAlbenindenletztenbeidenJahren …ruhiger angehen … blabla. Das ist inzwischen glatt ein Topos geworden. Ich kann’s nicht mehr ertragen. Weicheier! »17 Alben?« Um die 50 CDs hat mir allein das letzte Jahr ins Regal geweht, weil RA immer eine Buchse für Taper frei hat. 15 sind’s dieses Jahr auch schon wieder. Und die Cardinals spielen nicht bei jedem Konzert den gleichen Stiefel herunter. Eure Sorgen möchte ich haben. Ihr hört von Neil Young auch nur die Greatest Hits. Eigentlich hasst ihr Musik, aber die Promos lassen sich so schön bei Ebay verticken.

[seufz]