In einem unbekannten Land, Folge 4: Wohnungssuche

Der Tisch, an dem ich diesen Aufsatz schreibe, steht in einer Wohnung, welche die Gattin vor bald einem Jahrzehnt per im örtlichen Monopolblatt plaziertem Gesuch gefunden hat. Nun hat sich der Kleinanzeigenmarkt wegen diesem Dings namens Internet seit dem Jahr 2000 radikal verändert – wie man am Umfang der Samstagsausgaben ersehen kann. Sofern man überhaupt noch eine gedruckte Zeitung zur Hand nimmt.

Mit der ihr eigenen ostfriesischen Beharrlichkeit versucht die Gattin, bei der Suche nach einer Bleibe für uns in oder um Nürnberg herum wieder diesen für sie bewährten Weg zu gehen. Sie bucht bei den Nürnberger Nachrichten eine Kleinanzeige. Sowas geht heutzutage übrigens komfortabel übers Internet. Die Verlage geben sich alle Mühe, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten. Da die NN im gleichen Verlagshaus beheimatet sind wie die eher das konservative Publikum ansprechende Nürnberger Zeitung, kann man den Kunden sogar noch mit einem prima Anzeigenverbund ködern. Wieder ein Beweis dafür, wie Monopolestarke Unternehmen vor allem dem Verbraucher nützen. Dass die Anzeige dann nicht am vereinbarten Tag erscheint und falsch abgerechnet wird – okay, kann passieren. Datenbanken sind auch nur Menschen.

Sarkasmus beiseite: Die Reaktion auf die Anzeige ist jedenfalls gleich Null. Was unter anderem daran liegen könnte, dass sich der Nürnberger Wohnungsmarkt fest in Maklerhand befindet. Kein Wunder, wenn die Branche gerne mit dem Satz »Keine Kosten für Sie als Anbieter!« für ihre Dienste wirbt. Nun sind wir bisweilen etwas renitent und hoffen deshalb auf Vermieter, die diesem Gewerbe ebenfalls mit Argwohn begegnen.

Nichtsdestoweniger kommt man nicht weiter, wenn man diesen Berufsstand ganz zu ignorieren versucht. So oder so sieht man sich mit einem ausgesprochen neugierigen Volk konfrontiert, welches es als völlig selbstverständlich ansieht, dass man vor ihm die metaphorischen Hosen herunterlässt. Ein Anruf bei der einer privaten Offerte beigegebenen Telefonnummer entwickelt sich dann so:

»Guten Tag, mein Name ist …« Die Gattin flötet ihr Sprüchlein.
»Haben Sie Arbeit?«, kräht eine Alte als Antwort in den Hörer. Keine Präliminarien, keine Höflichkeitsfloskeln, kein nichts.
Die Gattin erklärt fröhlich, dass sie in Nürnberg eine neue Stelle angetreten habe und …
»Aha, Sie haben also jetzt erst Arbeit.«
Die Gattin erläutert, dass sie bisher in Westdeutschland …
»Und Ihr Name? Aus welchem Ländle kommen Sie?«
Die Gattin versucht der Alten noch beizubiegen, dass sie aus Norddeutschland stamme und ihr Familienname dort alles andere als ungewöhnlich sei.
»Ahja, na man wird sehen.«

Wir haben das dann nicht weiterverfolgt. Fremdenfeindliche Töne gab es im übrigen noch öfter zu hören.

Jedenfalls wurde im Verlauf der Suche zähneknirschend und mit Faust in der Tasche so manche »Selbsterklärung« ausgefüllt, in der munter nach Arbeitgeber und Gehalt und was weiß ich noch gefragt wird. Ein Makler sprach denn auch ganz offen aus, dass man als Freiberufler eigentlich keine Chance hat, in Nürnberg eine Wohnung zu bekommen. Sind halt sehr bodenständig, die Menschen in der alten Industriestadt Nürnberg. Kein Wunder, dass sich die ganzen kreativen Luftikusse in Berlin ballen.

Man fragt sich allerdings schon, wieso man als Wohnungssuchender keinerlei Anspruch auf komplementäre Informationen hat. Wer garantiert einem, dass dem Hausbesitzer seine Hütte nicht demnächst zwangsversteigert wird, er noch Heizöl, Wasser und Müllabfuhr bezahlen kann?

Außerdem erzählte ein anderer Makler, dass er seit etwa einem Jahr einen Run auf die von ihm angebotenen Stadtwohnungen erlebe, der ihm selbst nicht erklärlich sei. Zeigt der Wegfall der Eigenheimzulage etwa schon Wirkung?

Unsere Ansprüche sind eigentlich recht bescheiden – 3 Zimmer KDB, möglichst in oder in unmittelbarer Umgebung der Innenstadt, mittlere Wohnlage, und vor allem: Altbau mit Balkon. Kann ja so schwer nicht sein, denkt man sich, wenn man aus Wuppertal kommt, wo praktisch jedes Haus, das um 1900 gebaut wurde, zum Hof hin Loggien hat. Nicht so in Nürnberg. Ergo reagiert die Gattin auf so ziemlich jede Annonce, welche die Anforderungsmerkmale halbwegs erfüllt. Im Wuppertaler Mutterschiff kann ich dazu erschreckend wenig beitragen, höchstens mal in Ruhe die einschlägigen Internetseiten abgrasen oder per Ferndiagnose zu- oder abraten. Die Gattin durchflöht derweil im Landungsboot Mittwochs- und Wochenendausgaben der Nürnberger Nachrichten und organisiert während der Arbeit Termine. Stationen einer Suche, verteilt über einen Monat:

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1) Helmstraße, im Westen von St. Johannis. Keine schlechte Gegend, viel alte Substanz, nah am Fluss, durchaus mit Gastronomie und Geschäften gesegnet, die Arbeitsstätte der Gattin liegt am entgegengesetzten Rand des Viertels, wäre per pedes gut erreichbar. Altbau mit Balkon indeed, Backstube im Hof, allerdings ohne Laden im Haus – eine Tüte Brötchen ginge aber wohl formlos an der Tür. Das hat für einen Bäckerssohn wie mich einigen Charme, andererseits sind uns beiden ausgerechnet Brötchen ziemlich egal. Freundliches, bemühtes älteres Maklerehepaar. Die Wohnung ist zwar etwas duster, wäre dennoch glatt genommen. Doch auf Nachfrage, wie es um Lärm im Haus bestellt sei, drucksen die Nochmieter herum, und die Makler räumen ein, dass man gerade versuche, eine Lösung für das Problem zu finden. Wir sind uns schnell einig, dass ich das als Heimarbeiter nun wirklich nicht gebrauchen kann, und die Gattin sagt am Tag darauf höflich aber bestimmt ab.

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2) Bei der zweiten Besichtigung bin ich mit dabei. Das Haus steht an der Gudrunstraße, am Rand der Südstadt, in einer der für Nürnberg typischen 50er-Jahre-Zeilen. Die Wohnung erfüllt jetzt nicht das Merkmal »Altbau«, dafür wird sie direkt vom Vermieter angeboten. Der ist denn auch in den Räumlichkeiten zugange, die Wohnung ist eine Baustelle – Heizung, Bad, Decken werden gerade neu gemacht. Der Hausbesitzer, der sich etwa in unserem Alter befindet, macht einen netten, vernünftigen, engagierten Eindruck. Das Beste an der Wohnung sind die Parkettböden in den straßenseitigen Zimmern, aber ansonsten werden meine Vorbehalte gegen die 50er bestätigt. Ich möchte nie wieder unter derart niedrigen Decken wohnen. Die Aussicht stimmt sowohl nach hinten wie vorn traurig, ob die Zimmer an einem sonnigen Tag heller gewesen wären, wage ich auch mal zu bezweifeln. Man muss die Depression nicht herbeizwingen. Und das Umfeld lädt auch nicht eben dazu ein, das Haus für einen abendlichen Spaziergang zu verlassen. Nur Schwimmengehen könnte man hier prima, weil das just upgedatete süd.stadt.bad keine 100 Meter entfernt liegt. Immerhin wissen wir nun auch, wie dieser allgegenwärtige Haustyp von innen aussieht.

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3) Den nächsten Termin organisiert die Gattin recht kurzfristig. Eigentlich gedachte ich da längst im ICE Richtung Wuppertal zu sitzen. Weil ich eine Fahrkarte habe, die mir zeitlich und wegmäßig alle Optionen offen lässt, verschiebe ich die Heimfahrt kurzerhand auf den Abend. Das Objekt ist nämlich so reizvoll, dass ich es unbedingt mit eigenen Augen sehen möchte: 90qm, Altbau, 3 Zi. KDB mit Balkon, in der Fürther Südstadt gelegen.

Der Mitarbeiter des Maklerbüros ist am Telefon etwas verwirrt und entpuppt sich vor Ort als gegeltes Jüngelchen im H&M-Anzug. Das Eckhaus hat eine Nummer mit »a«-Suffix, die Basis befindet jenseits der Kreuzung – kurios. Die Besichtigung findet in bunt gemischter Horde statt, von strenger, nervig-kackfrecher Hoppla-hier-komm-ich-Mutter samt verhuschter Tochter über jungvermählte BWLer bis leise-schüchternem ethnisch gemischtem Pärchen ist alles dabei. Der Hausflur protzt anfangs mit weißen Kacheln und Jugendstilornamenten, nach oben hin wird das Treppenhaus schäbiger, sind die alten Wohnungstüren mit Zierleisten und Glaseinsätzen durch einfachste Modelle aus dem Baumarkt ersetzt worden. Hinter einer solchen befindet sich das Mietobjekt der Begierde. Als uns aufgetan wird, müssen wir erstmal zwei Katzen vom Entweichen abhalten. Die Nochmieterin nennt eine veritable Menagerie ihr eigen: Ein ziemlich großer Hund beschnüffelt die Besucher, im Wohnzimmer steht ein mehrstöckiger Stall mit Kaninchen und Rennmäusen. Sie ist dennoch sehr nett, trotz Sonnenstudiobräune, Arschgeweih, Thong und Muffin Top (wir haben keine Vorurteile, wir doch nicht!). Man kommt en passant ins Gespräch, an den anderen vorbei, im Hintergrund nervt die dreist-drahtige Mutter herum. Mit zunehmender Beklommenheit erfahren wir, warum die jetzige Bewohnerin zum Juni die Wohnung aufgeben muss: Ihr Freund ist ausgezogen, sie hat ein kleines Kind, kann sich die Räume finanziell nicht mehr leisten, hat auch noch keine neue Bleibe, die Suche gestaltet sich sehr schwierig, auch wegen des Zoos. Es ist sehr eigenartig, in so eine fremde und seltsame Welt einzudringen. Möchten wir wirklich Beziehungskriegsgewinnler sein?

Andererseits kann ich mir sehr gut vorstellen, hier künftig zu leben: Die Küche ist zwar winzig, dafür ist das Wohnzimmer enorm groß (fünf Fenster!), und auch die beiden anderen Räume sind nicht eben klein. Im Bad befindet sich eine putzige Wanne, leider soll sie noch durch eine Dusche ersetzt werden. Der Boden besteht aus Laminat, könnte aber schlimmer sein. Die Zimmer sind hoch und hell, letzteres auch weil nach WestenOsten hin nicht ein weiteres Wohnhaus steht, sondern etwas zurückgesetzt eine Kirche. Der Balkon ist allerdings ein Witz, ein straßenseitiger Mauervorsprung mit Brüstung, höchstens 50cm tief, fürs Zigarettchen zwischendurch würde er aber reichen. Letztlich entscheidet sich der, anonym gebliebene, Vermieter für andere Bewerber; immerhin wissen wir jetzt, wie ein Haus in der Südstadt von innen aussieht, und die Neugierde in diesem Punkt ist gestillt.

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4) Noch ein Haus mit Kirche vis-à-vis. Die nächste Besichtigung unternimmt die Gattin dann wieder alleine, Altbau, 3 Zi. KDB, 65qm, direkt vom Vermieter. Die Wohnung liegt in der Paumgartnerstraße in Gostenhof, einem Stadtteil, den ich in der Woche zuvor durchlaufen und zumindest von der Bausubstanz her für akzeptabel befunden hatte. Altes Arbeiterviertel mit entsprechend hohem Anteil griechisch- und türkischstämmiger Nachrücker; einzelne Straßenzüge zeigen zwar Anzeichen von Verslumung, Vorderhaus- und Hinterhofgewerbe darben, aber die betreffende Ecke ist insgesamt okay. Zumindest die Gemüseversorgung wäre gesichert. Zwei Minuten bis zur U-Bahn, fünf bis zur Pegnitz (an der JVA und dem Schwurgerichtssaal 600 vorbei), die hier zudem von einem Steg nach St. Johannis überquert wird, womit die Arbeitsstätte der Gattin gut zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar wäre. Doch entweder ist die Größenangabe übertrieben (ob absichtlich oder irrtümlich sei dahingestellt) oder die Wohnung ist extrem ungünstig geschnitten – jedenfalls wirkt sie auf die Gattin sehr klein, beengend klein, kein guter Ort für einen Heimarbeiter.

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5) Der Eindruck, dass auch im alten Baubestand Nürnbergs die Zimmer wenig großzügig sind, verfestigt sich, je mehr Anzeigen ich daheim am Rechner lese. Man hat die Arbeiterschaft auf engstem Raum zusammengepfercht, Baugrund war anscheinend schon um 1900 auch außerhalb der Stadtmauer teurer als entsprechende Lagen im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Andererseits sind die Wohnungen schon damals mit Bad und separater Toilette (anstelle vom Klo auf halber Treppe) ausgestattet worden. Was vielleicht auch erklärt, dass es, wenn ich nichts übersehen habe, bei rund 300.000 Einwohnern in der Stadt nur eine klassische Badeanstalt gegeben hat.

Der nächste Kandidat befindet sich jedenfalls in der Wandererstraße, im westlich an Gostenhof angrenzenden Stadtteil Eberhardshof, direkt hinter der Zentrale von Quelle und deren ausgedehnten Mitarbeiterparkplätzen gelegen, unweit jener Stelle, wo sich die für den eisenbahnhistorisch Interessierten (that’s me!) die größte Katastrophe der jüngsten Vergangenheit zugtragen hat.

Das Haus liegt mit der Rückfront an der Bahnstrecke Nürnberg – Fürth, was gar nicht mal so schlimm ist, weil der nächtliche Güterverkehr andere Wege nimmt. Wieder mal ist das allgemeine Interesse groß. Wir hätten die ordentlich geschnittene, durchweg mit Parkett versehene Wohnung sogar bekommen und genommen – wenn nicht unmittelbar hinter den Gleisen auch noch der Frankenschnellweg A73 vorbeirauschen würde, ohne jeglichen Schallschutz. Die Gattin inspiziert am Tag nach der Besichtigung extra nochmal die Örtlichkeit und sagt dann ab.

(Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich darüber gar nicht froh genug sein kann. Welch traurige Gegend, nicht nur hinter dem Haus.)

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6) Das nächste Objekt ist dann weder Altbau noch in der Innenstadt gelegen, sondern eine Einliegerwohnung in der Paracelsusstraße, im südwestlichen Niemandsland zwischen Innenstadt und Speckgürtel, unter Dachschrägen, mit Balkon. Gucken kost ja nix. Dafür erfährt die Gattin eine Bestätigung meiner These, dass Relationen, die nicht ohne Umsteigen in den Bus auskommen, zeitlich ausufern. Eine Dreiviertelstunde Fahrt von der Arbeitsstätte (inklusive zwei Sollbruchstellen) ist angesichts der der gar nicht mal so großen Strecke definitiv zu lang. Dafür ist die Maklerin sehr nett, man kommt ins Gespräch, sie nimmt die Gattin im Auto mit in die Innenstadt zurück, wodurch sie noch pünktlich beim nächsten Termin auflaufen kann.

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7) Der spielt sich irgendwo im Norden von Gibitzenhof ab, am Westrand der Südstadt. Für Lage, Ausstattung und Umfeld ist die Wohnung viel zu teuer, aber – wie gesagt – gucken kostet ja nichts. Und man muss es mal gesehen haben.

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8) Die nächsten zwei Häuser liegen wieder in St. Johannis und erfüllen in Sachen Lage und Ausstattung unsere Wünsche. Nummer 1 in der Rieterstraße würde sofort genommen – wenn der Mietvertrag nicht auf ein Jahr befristet wäre. Die derzeitige Mieterin geht für ein Jahr ins Ausland und wird ihre Möbel solange einlagern. Angesichts der Vorstellung, sich kurz nach dem Einzug schon wieder auf die Suche machen zu müssen, winkt die Gattin freundlich aber bestimmt ab.

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9) Nummer 2 befindet sich direkt um die Ecke, in der Hallerstraße. Ein Internetfund, den ich der Gattin sofort per Google Talk ins Büro telegrafiert habe. Das Haus ist in Eigentumswohnungen aufgeteilt worden und der Makler verrät gleich, dass der Eigner in voraussichtlich drei, vier Jahren Eigenbedarf anmelden wird. Das ist schon mal erquicklicher als 12 Monate. Beim speziell für die Gattin anberaumten Besichtigungstermin ist kurzfristig noch eine andere Frau anwesend, außerdem hat es vorher weitere Interessenten gegeben. Und am Ende offenbart der Makler, welcher vom Eigentümer völlig freie Hand bekommen hat, seine Ratlosigkeit: Er weiß nicht, für wen er sich entscheiden soll. Die Gattin schlägt daraufhin im Scherz vor, einfach zu würfeln. Was den Mann auf eine Idee bringt – am Abend spiele doch der Club und wer das Ergebnis richtig vorhersage, bekomme die Wohnung. Immerhin weiß die Gattin, dass Nürnberg gerade die Schlusslaterne trägt und (»gegen wen spielen die denn?«) tippt als Butenostfriesin auf den norddeutschen Gegner. Die Mitbewerberin hat auch keine Ahnung von Fußball, lässt das Fenster zum Herauslehnen gleich ganz zu und meint einfach »Unentschieden 1:1«.

Das Spiel versinkt dann im Matsch, weil kurz vor Anpfiff heftiger Platzregen einsetzt. (»Platzregen«! Fünf Euro in die Kalauerkasse.) Die Wasserschlacht wird beim Stand von 1:0 für den Tabellenletzten in der Halbzeit abgebrochen, die Begegnung muss wiederholt werden. Es ist das erste Mal, dass ein laufendes Bundesligaspiel aus Witterungsgründen vorzeitig beendet wird. Das kommt heraus, wenn eine studierte protestantische Theologin wider den Stachel löcken möchte. Jetzt wisst ihr, wer die Schuld an dem Desaster trägt. Jedenfalls geht die Wohnung an jemand ganz anderen.

(Beim nachträglichen Ortstermin zwecks Bebilderung dieses Berichts bin ich eigentlich ganz froh, dass es so gekommen ist – was die Luftbilder bei Google Maps nämlich nicht verraten haben: wie viel Autoverkehr hier auch in den Seitenstraßen herrscht. Außerdem ist die Versorgungslage in dieser Ecke von St. Johannis nicht wirklich optimal.)

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Die Gattin beginnt allmählich zu (ver)zweifeln: Sind wir vielleicht zu anspruchsvoll, nörglerisch, unbescheiden, wenig kompromissbereit? Mangelt es uns an Mieterdemut? Das Nervenkostüm wird stellenweise fadenscheinig. Immerhin sind wir nach einem Monat noch kein Stück weiter gekommen. Die Gattin würde ihre freie Zeit lieber mit anderem verbringen. Ich selbst bin noch erstaunlich gelassen (habe ja auch den Stress vor Ort nicht), murmele bei unseren abendlichen Telefonaten beruhigende Worte, beschwichtige, im Vertrauen darauf, dass sich alles zu gegebener Zeit passend fügen werde. Schlussendlich platzt der Knoten sehr schnell. Doch diese Anekdote erzähle ich beim nächsten Mal.

In einem unbekannten Land, Folge 3: Fürth

Wenn man aus Richtung Würzburg mit dem ICE anreist, dabei in Fahrtrichtung rechts sitzt und aus dem Fenster gucken kann, weil zufällig keine der Streben im Weg ist, erblickt man kurz vorm Nürnberger Hauptbahnhof eine längere Reihe von schmucken Gründerzeitfassaden. »Sieht gar nicht mal schlecht aus, dieses Nürnberg« denkt man sich dann. Nur um später festzustellen, dass diese Häuser in Fürth stehen.

Fürth ist der westliche Nachbar Nürnbergs und an ihren Rändern sind die beiden Städte ruhrgebietsmäßig miteinander verwachsen. Es hat immer wieder Versuche gegeben, Fürth nach Nürnberg einzugemeinden; sie blieben bis heute erfolglos. Im Alltag der Bewohner spielen tribalistische Befindlichkeiten sowieso kaum eine Rolle: Man pendelt munter zwischen den Orten und her, sei es per Auto auf der vierspurigen B8 oder der A73, oder mit der U-Bahn, welche die Innenstädte alle paar Minuten verbindet, bei einer Viertelstunde Fahrzeit. Arbeitsstätte und Einkaufsmöglichkeiten sind halt wichtiger als brusttrommelnde lokalpolitische Scharmützel um Fördermittel des Landes Bayern.

Fürth, Gustavstraße

In baulicher Hinsicht ist Fürth allerdings das glatte Gegenteil von Nürnberg, zumindest was die Innenstadt angeht. Sie wurde nämlich im 2ten Weltkrieg von den Bomberverbänden weitestgehend verschont, und auch die üblichen 70er-Jahre-Sünden halten sich in Grenzen. Mehr als 2000 Baudenkmäler sind dort auf engstem Raum versammelt. Somit bietet sich dem Flaneur ein geschlossenes, insgesamt intaktes Stadtbild dar. Im Vergleich sieht Nürnberg jung aus. Ich muss sagen, ich hatte dergleichen nicht erwartet. Fürth ist zwar nicht Görlitz (das ich noch vor der Steuersparmodellgeneralsanierung kennengelernt habe), aber hier wie dort kann man die Entwicklung der Stadt sehr schön am Stadtbild ablesen: Kleinstädtischer Altstadtkern aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit viel Fachwerk, und drumherum die großstädtischen Ensembles der Gründerzeit. Vor allem letztere lohnen den Besuch – so ausgedehnte, zusammenhängende Straßenzüge mit Bauten des Historismus findet man in keiner westdeutschen Stadt. Ein bisschen Jugendstil gibt es auch noch, aber vom Fassadenschmuck her tritt der ähnlich zurückhaltend wie in Nürnberg auf (eine der wenigen architektonischen Gemeinsamkeiten beider Städte). Die Gründerzeit präsentiert sich mit allem verfügbarem Protz. Dabei ist die Formensprache zwar dieselbe wie in anderen Städten, das Material aber ein völlig anderes, nämlich der in der Region allgegenwärtige rötliche Sandstein. Und so kommt der hiesige Historismus weitgehend ohne Putz und Stuck aus, stattdessen haben sich die Steinmetze ausgetobt. Vielleicht liegt es an dieser robusten Ausführung, dass Fürth der Entstuckung entkommen ist, aber ehrlich gesagt weiß ich den Grund nicht. Jedenfalls zeigen sich die Fassaden noch sehr einheitlich im ursprünglichen Aussehen, als authentisches Zeugnis der Lügenhaftigkeit der Gründerjahre, ohne die bunt plärrenden Anstriche der 80er oder das neuerdings allseits beliebte Weiß und Barockgelb (über deren restaurativ-reaktionären Charakter und was sich daraus über den Zustand und die rückwärtsgewandte Verfasstheit unserer Gesellschaft, die oberflächliche bis verlogen-korrupte Sehnsucht nach vermeintlich sichereren herrenreiterlichen Zeiten ablesen lässt, könnte man auch noch einige Worte verlieren). Das Auge hat hier noch Beschäftigung. Heiter und leicht sind die Straßenzüge in der Wirkung sicherlich nicht, da kann das Rathaus noch so italienisch tun; aber zumindest eine Anmutung von Frankreich kann ich nicht verleugnen. Fürth steht architekturtouristisch zu Unrecht im Schatten der großen Nachbarstadt, es hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, auch bundesweit.

Fürth, Amalienstraße

Die Wohngebiete sprühen allerdings ähnlich wie die in Nürnberg nicht gerade vor Leben. Einkaufen und Ausgehen konzentrieren sich ebenfalls auf die Innenstadt, wobei Fußgängerzone und Fressmeile deutlich getrennte Veranstaltungen sind. Ersterer ist gerade eine neue Pflasterung spendiert worden, in der Absicht und Hoffnung, damit Einkäufer von Nürnberg wegzulocken. So richtig scheint die Straße nämlich nicht zu brummen, wenngleich wir keinen Leerstand entdeckt haben. Die Infrastruktur ist also noch einigermaßen intakt. Selbst aus dem Südviertel genannten Stadtteil, den die Gleisanlagen des Bahnhofs von der Kernstadt trennen, ist man dank einer langgestreckten Unterführung binnen 5 Minuten zu Fuß bei den Geschäften. Und der U-Bahn sowieso. Womit wir wieder beim Anfang wären – denn genau jenes Südviertel war es, das man bei der Anreise aus dem Fenster des ICEs erblickt hatte.

Spaßeshalber haben wir uns dort gleich mal eine Wohnung angesehen. Aber davon mehr in der nächsten Folge.