Frohes Fescht

(Besinnliche Bastelei fränkisch-hamburgischer Provinienz.)

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Auslauf

Ostermontag droht zuhause der Lagerkoller, trotz Freigangs auf dem Balkon. Dagegen unternehmen wir was, denken wir uns so, steigen auf die Räder und fahren hinaus in die Welt. Das heißt fürs erste nur zum Ostbahnhof, wo allerdings die ganz kurzfristig anberaumte Exkursion nach Hersbruck vom hoch entwickelten Service der Deutschen Bahn vereitelt wird, in Zusammenarbeit mit irgendwelchen Vandalen.

Und nu? Canceln oder auf eigenen Rädern weiter? Aber wohin? Das Gelände gibt unseren untrainierten Beinen die Richtung vor: nach Osten, stadtauswärts. Alles andere wäre mit Steigungen verbunden. Dann eine klare Ansage der Radnetzwerker: »Lauf an der Pegnitz, 11km«. Wir fahren zwar lieber (Achtung, Kalauer:) Rad an der Bundesstraße, weil wir am Fluß die Horden vermuten, folgen dem Vorschlag ansonsten, schon damit das ganze endlich eine Stoßrichtung bekommt.

Das ist jetzt nicht unbedingt die idyllischste Route, aber immer noch besser als das ellenlange Stop and Go auf der Straße nebenan, vor der Autobahnauffahrt. Kommen schon alle zurück aus der Fränkischen Schweiz, vom Osterbrunnengucken oder dem Besuch bei Omma. Direkt dahinter rauschen die Wackeltriebwagen vorbei, ohne uns.

Die Käffer unterwegs heben wir uns für ein andermal auf. Nach einer Stunde ist der Brass auf die Bahn weggestrampelt, dafür tun uns die Hintern weh. Macht nix, wir sind da. Vor Ort wird meine alte These bestätigt, dass man besser unvorbereitet in solche Exkursionen reingeht, sich nicht über das Ziel schlaugemacht hat. So kann man nur überrascht werden, und zwar positiv. Serendipitätsprinzip. Lauf ist nämlich sehenswert, die Altstadt zumindest. Wenn man sich mal ein gut erhaltenes Ackerbürgerstädtchen zu Gemüte führen möchte.

Lauf a.d.Pegnitz

Für anderthalb Stunden interessiertes Gucken reicht es: Großer Markt, nette Häuschen, enge Gassen, alles so halbwegs wiederbelebt.

Lauf a.d.Pegnitz

Am unteren Ende der Fluss, samt Schloss darin (eher eine Burg), heute Außenstelle der Nürnberger Kunstakademie, Besichtigung nur nach Voranmeldung. Alles etwas regionstypisch derb und ungeschlacht. Wir haben schon Charmanteres gesehen (obligatorisches norddeutsches Beispiel: Lemgo, ebenfalls Ackerbürgermetropole), aber auch Töteres (hierzulande: Cadolzburg). Das Industriemuseum setzen wir auf die Todo-Liste, mittlere Priorität.

Lauf a.d.Pegnitz

Danach könnte ich eine Pommes-Majo vertragen, aber wie überall in Franken geht unter Schweinebraten mit Kloß nix. Gasthäuser gibt’s satt, doch erstens habe ich das Abendessen schon präpariert, und zweitens wollen wir noch die geradezu sommerliche Sonne genießen und nicht in einer schummrigen Schankstube vergammeln.

Lauf a.d.Pegnitz

Wir binden die Pferde los und reiten zur Stadt hinaus. Unsere Gesäße haben sich während der Pause einigermaßen erholt. Jenseits der ollen Flussbrücke geht Lauf allerdings erst richtig los. Lauf ist ein typischer Brutfelsen, wo Siemensianer ihr Nest bauen und die Küken großziehen. Irgendwo müssen die 140.000 Vögel ja abbleiben, die alltags nach Nürnberg einfallen. Nüscht wie weg – aber wir verirren uns natürlich erstmal in dem städtebaulichen Kuddelmuddel. Dreimal falsch abgebogen bis wir endlich den ausgeschilderten Radweg nach Nürnberg haben, einen anderen als hinzu, links (südlich) der Pegnitz jetzt. Die Hauptstraße ist fern, wir müssen uns den Weg nur mit Fußgängern teilen, direkt an der Ostbahn, der zweiten Linie in diesem Tal. Die schnurgerade Strecke ist als S-Bahn ausgebaut, bei den ganzen Einfamilienhäusern ringsum wähne ich mich zuweilen in Ratingen. Oder auch im Ruhrgebiet, denn eine tipptopp renovierte Arbeitersiedlung in einem Ort namens Röthenbach könnte auch in Bottrop stehen. Kommt ebenfalls auf die Todo-Liste.

Anschließend müssen wir bis Schwaig wieder eine Bundesstraße ertragen, ich habe abermals eine Abbiegung übersehen. Auch dieses Örtchen ist verbaut, obendrein will uns die Ausschilderung auf eine falsche Fährte locken, was ich gerade noch abwenden kann (in Form einer 180°-Kehre mit den Rädern). Dafür werden wir mit einem fast putzigen Herrenhaus entschädigt.

Und dann geht’s schlussendlich, schon auf Nürnberger Gebiet, doch noch an die Pegnitz runter, für das letzte Drittel der Strecke. Um halb sieben hockt der gemeine Franke schon bei der Brotzeit vorm Fernseh oder im Biergarten, und so haben wir halbwegs freie Fahrt. Störend sind höchstens ein paar vollverkleidete ausgemergelte Führungskräfte um die 50, die noch besinnungslos herumheizen (wahrscheinlich um der heimischen Hölle zu entfliehen).

Eine letzte unerwartete Attraktion aus frühindustriellen Zeiten, pittoresk mitten im Wald am Fluss gelegen: Das Hammergut. Da uns der Hunger weitertreibt, wird auch das noch auf die Liste gesetzt. Danach mäandern wir 10 Minuten durch die Pegnitzauen, Wiesen und blühende Sträucher allerorten, die Luft hängt mit süßen und strengen Düften voll, vom Eise befreit, Hoffnungsglück. Ein Brücklein über den Fluss, das nehmen wir und sind wieder in Erlenstegen, genau an der Stelle, wo man uns den Weg nach Lauf gewiesen hat.

Die Gattin fängt auf dem letzten Stück doch noch ein wenig zu schwächeln an, trosthalber besorge ich ihr bei einem Sprit-Outlet ein Fläschchen von einem norddeutschen Erfrischungsgetränk, das erste Mal, dass ich in Franken an der Tanke Bier kaufe. Um Viertel nach sieben sind wir wieder daheim, erschöpft und zufrieden, nachgerade dankbar, dass die Bahn nicht so wollte wie wir. Hersbruck läuft schließlich nicht weg.

In einem unbekannten Land, Folge 2

Wenn Nürnberg schon nicht schön ist, so ist sein Plärrer der hässlichste Platz der Republik – jedenfalls seitdem der Vorplatz des Bremer Hauptbahnhofs in den 90ern umgestaltet wurde. Als ehemaliger Eisenbahnfreund legt man hier trotzdem eine Gedenksekunde ein, schließlich begann an diesem Ort vor nunmehr 173 Jahren der öffentliche Eisenbahnverkehr in Deutschland. Die Bayerische Ludwigsbahn ist längst stillgelegt, doch auf ihrer Trasse kann man größtenteils auch noch heute fahren. Dazu muss man sich am Plärrer in den Untergrund begeben und in eine U-Bahn der Linie 1 steigen. Mit ihr gelangt man der historischen Linienführung folgend in 11 Minuten zum Bahnhof der Nachbarstadt Fürth.

U-Bahn? U-Bahn. Keine aufgebrezelte Straßenbahn mit hybridem U in der Liniennummer, keine »Stadtbahn«, wie sie zum Beispiel in Dortmund gerade mal wieder erweitert wird. Sondern eine richtige U-Bahn mit Stromschiene unten statt Pantographen auf dem Dach. Das Nürnberger ist das kleinste, jüngste und unbekannteste der vier U-Bahn-Systeme in Deutschland1, technisch und entstehungsgeschichtlich eine kleine Schwester des Münchner Betriebs, mit bis dato gerade mal zwei Linien. (Eine dritte entsteht gerade, funktioniert aber noch nicht, weil sie bei Siemens eingekauft wurde.)

Wenn man kein Auto sein eigen nennt (und an diesem Zustand auch nichts ändern möchte), muss man sich natürlich ansehen, was der ÖPNV des künftigen Wohnorts so zu bieten hat. Der erste Eindruck ist durchwachsen. Die Innenstadt (also Altstadt und umliegende Wohnviertel) wird von U- und Straßenbahn sehr gut erschlossen, einige Buslinien ergänzen das Angebot. Tagsüber ist der Takt sehr dicht, man verliert beim Umsteigen kaum Zeit. Die Schienen reichen aber nicht bis in die Vororte oder gar ins Umland hinein. Die Strecken sind auffällig kurz; wenn man weiter draußen wohnt, muss man an den Endstellen vom oder in den Bus umsteigen. Und je weiter abseits der Hauptachsen man sich bewegt, desto seltener verkehren die Busse: Ein 40-Minuten-Takt ist für spontane Fahrten wahrlich nicht mehr zu gebrauchen.

Der Blick ins 2000 Seiten starke Fahrplanbuch des Verkehrsverbunds Großraum Nürnberg offenbart endgültig Deprimierendes: massenhaft Tabellen mit genau zwei Verbindungen pro Tag, samt Fußnote »nur an Schultagen«. Auf dem Land leben und in Nürnberg arbeiten kann man eigentlich nur, wenn man bereit ist, Auto zu fahren. Eine Top-Sehenswürdigkeit wie Schloss Weißenstein in Pommersfelden ist am Wochenende mit den Öffentlichen gar nicht zu erreichen. Ich öle in Gedanken schon mal das Fahrrad.

Nürnberg hat aber nicht nur Straßen- und U-Bahn, sondern auch eine von der Deutschen Bahn betriebene S-Bahn. Die ist denn teilweise auch für die Anbindung der Vororte zuständig. Ihr Netz wächst langsam aber kontinuierlich, wobei mir zumindest auf Nürnberger Gebiet die Verknüpfung mit den städtischen Linien nicht überall optimal zu sein scheint. Das Rollmaterial weckt Heimatgefühle, schließlich verkehren hier (noch) Wendezüge mit x-Wagen und 143ern2. Zu guter letzt existieren noch einige Regionalbahnlinien, die aber mit ihrem Stundentakt für den innerstädtischen Verkehr praktisch ohne Bedeutung sind. Dabei habe ich auch den gruseligsten Haltepunkt kennenlernen dürfen, der mir je untergekommen ist: »Nürnberg – Rothenburger Straße«, zwischen Hauptbahnhof und Fürth gelegen, sogar mit Verknüpfung zur U2, bei sagenhaften zwei Zügen pro Stunde und Richtung (und die auch noch im Abstand von 5 Minuten) – ein finsteres Betonloch in der unerreichbarsten Ecke einer Kreuzung von Stadtautobahn und Ausfallstraße. Immerhin musste der (dankenswerterweise noch vorhandene) Schaffner ganze Horden von kofferbepackten asiatischen Touristen und tütenbehangenen türkischen Muttis in seinen Zug zurückscheuchen, die sich, weiß der Geier warum, schon in Nürnberg, also am Hauptbahnhof, wähnten.

Fazit: In der Innenstadt und den umliegenden Quartieren kann man sich mit U- und Straßenbahnen sehr gut fortbewegen, unterirdisch wird tagsüber abschnittsweise im 3½-Minuten-Takt gefahren und auch an der Oberfläche sind die Bahnen mindestens alle zehn Minuten unterwegs. Wenn man sich der Stadtgrenze nähert oder von den Rennbahnen entfernt, verschlechtert sich das Angebot rapide. Das Streckennetz wäre noch ausbaufähig; dummerweise konzentriert man sich momentan darauf, das wenige vorhandene Geld im Untergrund zu vergraben. Ferner sind die Umlandstrecken der DB mäßig ins städtische Geschehen integriert. Vielleicht sollte man den Stadträten mal eine Studienfahrt nach Bremen oder Karlsruhe spendieren.

Was die Preise angeht: Im Bartarif und bei den nach 9 Uhr gültigen Zeitkarten (also auch den Tagestickets) ist der VGN eher billiger als der VRR, dafür langt man bei den Monatskarten für Pendler richtig hin, vor allem bei größeren Entfernungen. Und so schöne Dinge wie verbundweite Gültigkeit am Abend und am Wochenende oder Erweiterung des Geltungsbereichs per Zusatzticket gibt’s natürlich gleich gar nicht. Wer mal kurz einen Ausflug von Nürnberg nach Neustadt an der Aisch machen möchte (warum auch immer), darf den vollen Fahrpreis hinlegen, auch wenn er ein für Nürnberg gültiges Monatsticket besitzt. Die Betriebswirte mögen sich darüber freuen – verkehrspolitisch (und damit volkswirtschaftlich) ist das eher ungünstig.

Entsprechend ist Nürnberg trotz allem voll von Autos. Und der Franke als solcher ist so geradeaus, dass man glatt meinen könnte, er müsse sich fürs Blinken verbiegen. Man schaut als Fußgänger bisweilen so verschreckt drein wie das bekannte dürersche Kaninchen.

Da die Gattin direkt gegenüber der Burg arbeitet, kommt für uns als künftiger Wohnort nur eines der Viertel mit U- oder Straßenbahnanbindung in Frage (in einer Pendlerhölle auf dem Land wohnen, wollen wir sowieso nicht). Momentan genießt sie sogar den Luxus, in fußläufiger Entfernung vom Verlag zu wohnen – in 15 Minuten einmal quer durch die Sebalder Altstadt. Was sie bei der Monatskarte spart, geht allerdings für die Miete wieder drauf. Auch das ein Aspekt, der Wohnungssuche berücksichtigt sein will.

Mehr dazu in einer der nächsten Folgen.


1 Jaja, liebe Popcornfreunde, ich weiß, dass auch Frankfurt eine Linie hat, die alle U-Bahn-Kriterien erfüllt. Aber es ist eben nur eine Linie innerhalb eines Stadtbahnsystems. Und als Wuppertaler muss ich natürlich unsere U-Bahn h.c. erwähnen, mit Stromschiene und Rädern oben. Selbige hat der Nürnberger Industrie übrigens einiges zu verdanken.

 

2 Auch bei der Straßenbahn verkehrt mit den B-Wagen (ebenfalls: noch) ein Typ, der ursprünglich für das Ruhrgebiet entwickelt wurde.

In einem unbekannten Land

Zurück aus dem Dortmund des Südens (mit einer Prise Derendorf und einem kräftigen Schuss Neukölln). Mit anderen Worten: Was ist dieses Nürnberg hässlich!

Wie Dortmund hat die Stadt einen mittelalterlichen Kern, ist sie mit der Industrialisierung sprunghaft gewachsen, wurde sie im 2. Weltkrieg von Bomberverbänden gründlich zerlegt und in den 50er Jahren dem alten Grundriss folgend neu erbaut. Wie in Dortmund findet man ältere Bausubstanz aus wilhelminischer Zeit noch in den Vierteln rings um die Kernstadt, aber auch hier sind wie dort zusammenhängende Straßenzüge selten. Und abermals wie in Dortmund hat sich die Industrie weitgehend aus der Stadt verabschiedet, werden die brachliegenden Terrains von der alten Bebauung befreit und kleinteilig umgenutzt. Und letzte Parallele zu Dortmund: In der Innenstadt wurden die mittelalterlichen Kirchen wieder aufgebaut.

In zwei Dingen unterscheidet sich Nürnberg allerdings fundamental von Dortmund: Zum einen ist da der Fluss, der die Altstadt durchschneidet und deutlich gliedert und mit den zugehörigen Brücken und angrenzenden Wegen für Stimmung sorgt. Dasselbe konnte und kann der Hellweg für Dortmund nicht leisten. Und zum zweiten sind da Burg und Stadtmauer, welche die Stadtsilhouette gründlich prägen. Sie bestehen zwar aus herzlich wenig originaler Bausubstanz, sind aber mit einiger Liebe und Sorgfalt getürkt.

Dass Nürnberg auf dieser spärlichen Basis heute immer noch und wieder Reisende aus aller Welt wie die Fliegen anzieht, ist ein mir unerklärliches Mirakel. Wer die deutsche Stadt, wie sie früher einmal war, sehen möchte, wäre in Lüneburg, Quedlinburg oder Görlitz (um mal drei völlig unterschiedliche Beispiele zu nennen) weitaus besser aufgehoben. Nur ist mit den Namen dieser Städte keinerlei emotional value verbunden. Keine Ahnung, wie Nürnberg es geschafft hat, sich dieses altdeutsche, romantisch verklärte Image zu erhalten, es aus seiner Geschichte in die Gegenwart herüberzuretten. Es bedarf schon einer sehr selektiven Wahrnehmung, um das mit der Seele Gesuchte in der Wirklichkeit zu finden.

Die oben genannten Kirchen dürften dabei eine wichtige Rolle spielen, sind sie doch (anders als diejenigen Dortmunds) mit hochwertigem spätmittelalterlichem Kunsthandwerk vollgestellt, das durch bürgerliche Klugheit – sprich Auslagerung in Bunkern – vor den Fliegerbomben bewahrt wurde. Etwas verstört nimmt man zur Kenntnis, dass genau diese Hauptkirchen samt und sonders der lutherischen Fraktion der evangelischen Kirche angehören. Und auch die wenigen anderen wie Inseln in der 50er-Jahre-Soße lagernden 1:1-Modelle bürgerstolzer städtischer Baukunst der späten Gotik und frühen Renaissance sind in mehrfacher Hinsicht solitär. Ein punktuell über die Stadt verteiltes Freilichtmuseum, in dem Epochen wie Barock und Klassizismus fast völlig fehlen. Den wenigen erhaltenen privaten Profanbauten innerhalb der Stadtmauer, die der Bombardierung zufällig entgangen sind, zumeist Fachwerkhäusern der Renaissance, ist erst Ende des 20sten Jahrhunderts restauratorische Aufmerksamkeit und Wertschätzung zuteilgeworden. (Sowieso ist Nürnberg auch noch von richtigen Museen voll. Wenn man Neigung zu dergleichen hegt, kann man sich auch bei Schnee und Regen die Zeit in dieser Stadt trefflich vertreiben.)

Und nachdem sich beim Besucher die erste Irritation über die kuriose Grundverfassung Nürnbergs gelegt hat und man bei der Stadterkundung allmählich in die den Mauerring umgebenden Quartiere vordringt, dorthin wo einst das barocke Nürnberg war, in Form von zighundert Luxuskleingärten betuchter Bürger, dann die nächste, auch auf die Innenstadt zutreffende niederschmetternde Erkenntnis: Wie kahl ist diese Stadt! Und das ist nicht nur dem Winter geschuldet. Sie besteht in erster Linie aus Stein. Beton, rotem Backstein, rotem Sandstein. Lange Schluchten, kaum Auflockerung in Form von Gärten oder begrünten Plätzen, selbst Straßenbäume sind eine Seltenheit, obwohl für sie Raum reichlich vorhanden wäre. Stattdessen Blech, sehr viel Blech. Und auch an den Fassaden nichts, an dem das Auge hängen bleibt. Bei den Bauten aus den 50ern ist das nicht weiter verwunderlich; doch selbst beim Bestand aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende gibt es nicht den von westdeutschen Gründerzeitvierteln bekannten opulenten, verspielten Schmuck aus industriell gefertigtem Stuck oder die tümelnde Verwinkeltheit des Heimatstils. Stattdessen: nackte rote Wände, höchstens mal ein paar neogotische Sandsteinschnörkel über den Fenstern. Verputzte Fassaden findet man nur bei den klobigen Mietshäusern aus der Zeit direkt vor dem ersten Weltkrieg, spärliche Verzierungen verweisen da auf den Jugendstil. Auch werden die Häuserfluchten kaum durch Balkons aufgelockert, selbst im Sommer wird dort nirgends ein Blumenkasten hängen können. Kalt, abweisend, einschüchternd wirken die Straßenzüge. Kein Wunder, dass die Nazis die Stadt in ihr Herz geschlossen hatten. Die wenigen Läden stehen leer oder darben, oder beherbergen Liebhaberunternehmungen für Special-interest-Gruppen. Es bleibt rätselhaft, woher die hier Wohnenden abends spontan ein Fläschchen Bier kriegen. Im Quartier bekommen sie es jedenfalls nicht. Und Gastronomie, welche an Sommerabenden die menschenleeren Straßen mit Leben erfüllen könnte, sieht man ebenfalls nicht.


Doch nicht nur straßenseitig zeigen sich die Häuser verschlossen: Erschüttert stellt man fest, dass es gleichermaßen zum Hof hin keine Balkons gibt. Die daheim allgegenwärtigen Loggien sind hier völlig unbekannt. Und auch die Innenhöfe der Blocks sind unersprießlich: Wo nicht Kleingewerbe in Schuppen sein Dasein fristet, sind sie mit noch kärgeren Hinterhäusern vollgestellt. Insofern böten Balkons eh keinen erquicklichen Ausblick.

Und für das, was jenseits der innenstadtnahen Viertel noch folgt, fehlen dem Flaneur endgültig alle Worte.

Als nächstes drängt sich der Eindruck auf, dass Nürnberg im Verhältnis zur Zahl seiner Einwohner recht klein ist. Man ist schnell durch die geschlossene Bebauung durch, die Menschen leben gedrängt in der Altstadt und um sie herum. »Hohe Wohndichte« heißt das wohl. Es gibt keine Nebenzentren mit eigenständiger städtischer Infrastruktur – kein Lennep, kein Altenessen, kein Hörde, kein Wattenscheid, kein Deutz lenken vom Kern ab. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: der Südstadt. Deren Hauptachse weckt beim Betrachter allerdings in erster Linie Erinnerungen an Berlin-Neukölln, speziell an die Karl-Marx-Straße, oder meinetwegen auch an Köln-Kalk. Muss ich noch mehr sagen?

An der Peripherie finden sich etliche aufgeblasene, zugewucherte Dörfer, auch sie 50/60er-Jahre-Wüsteneien. Und dann kommen schon Fürth, Erlangen und Schwabach.


Wahrscheinlich sind letztere Städte im Umland die oben vermissten Neben- bzw. Unterzentren, deren Eingemeindung bloß vergessen oder nicht gewollt wurde, nicht durchgesetzt werden konnte. Nachbarn mit irrationaler gegenseitiger Abneigung. Pendlerhöllen einerseits (mit der U-Bahn benötigt man von Fürth nach Nürnberg ungefähr ebensolange wie mit der Schwebebahn von Oberbarmen nach Elberfeld), aber auch Wohnplätze mit eigenem Stolz und eigener Identität. Von den völlig andersgearteten Gründerzeitvierteln Fürths oder dem barocken Erlangen wird an dieser Stelle noch die Rede sein.

Und wo bleibt das Positive? Okay, ausnahmsweise: Weil Nürnberg so »klein« ist, so auf seinen Kern fixiert und ausgerichtet, verabschiedet sich das Leben abends nicht aus der Altstadt, jedenfalls nicht komplett. Man wohnt auch innerhalb der Stadtmauer, kauft hier ein, geht hier aus – und das räumlich gut vermischt. Selbst jetzt, im Winter, stehen überall Stühle vor der den Lokalen, und sie bleiben nicht leer (das könnte allerdings auch mit dem Rauchverbot zu tun haben …) Am Wochenende ist erwartungsgemäß halb Franken zu Besuch, und im Sommer wird sicherlich noch die ein oder andere zusätzliche Touristenfalle aufgestellt. Doch selbst an einem schneeschaurigen Mittwochvormittag ist auf den Straßen auffallend viel los. »Urban« ist vielleicht zu hoch gegriffen; ich habe andererseits schon weitaus unlebendigere Innenstädte gesehen.