Durch Dickicht und Düne

Den Pfingstsonntag verbringen wir zu unserer eigenen Überraschung bei Butterkuchen, Tee mit Kluntje und Wulkje, Spargel und Gegrilltem mit anderen Butenostfriesen. Över dit Klottje mutt ik ook mol wel ens wat schrieven. (»Das war Ostfriesisches Platt«, wie es bei der Sendung mit der Maus heißen würde.) Der obligatorische Ausflug mit dem Rad muss daher bis Montag warten.

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Er fällt dann etwas kleiner aus: Die Gattin ist nicht so richtig auf dem Damm, alle Überredungskunst fruchtet nicht, ich muss alleine losfahren. Das hat zumindest den Vorteil, dass ich ungehindert in den Ecken schnüsen und mit der Knipse wedeln kann.

Neumeyerstraße

Hinterm Nordostbahnhof durchquere ich erst mal ein größeres Gewerbegebiet der Marke »lebt nicht und stirbt nicht«. Ein Porschehändler, energieoptimierte Neubauten, metallverarbeitende Kleinbetriebe, ein der Wiedereröffnung harrendes Möbelhaus, IT-Klitschen, evangelische Einrichtungen – die ganz Palette.

NeumeyerstraßeNeumeyerstraße

Als wär’s damit noch nicht genug, schließt sich unmittelbar dahinter etwas an, das sich großspurig »Nordostpark« nennt: Noch ein Gewerbegebiet, lauter Neubauten, aber mehr für die Powerpoint-Fraktion im Boss-Anzug. Atmosphärisch eine Mischung aus Kasernengelände und privater Fachhochschule. Da müssen sich die Praktis und Junior-Account-Manager beim Einstieg in den Job nicht groß umgewöhnen.

Nordostpark

In der Mitte ein super See, in den eine Pumpe ihren Strahl pullert. Coffeebar-Terrasse, zwei Beach-Zonen und Bootsanlegesteg. Eine Meisterleistung der GaLaBauer – wenn man bedenkt, dass die Pfütze keine zehn Meter Durchmesser hat. Reichlich Freiraum für die persönliche Entwicklung also.

Nordostpark

Ich muss ständig anhalten, um beim Schenkelklopfen nicht vom Rad zu fallen. Mit den Firmenweisern scheint es sich mir wie bei Plakaten in der U-Bahn zu verhalten: Auch wenn ihre Zeit längst abgelaufen ist, bleiben sie so lange hängen, bis sich ein neuer Mieter für die Fläche findet.

Nordostpark

Das Terrain ist wie alle Gewerbegebiete am Wochenende eine Geisterstadt, da hilft auch die geöffnete Kaffebude nix. Für ein bisschen Leben sorgen einzig ein paar Radfahrer und Reiter, die hier die vielbefahrene benachbarte Bundesstraße meiden können. Hinter dem »Nordostpark« ist nämlich der bebaute Teil Nürnbergs zu Ende, danach kommt nur noch Ausflugsgebiet: der Sebalder Reichswald.

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Na gut, was sich so Wald nennt. Ist eher eine Baumfabrik. Wege wie mit einem Riesenbagger rausgekratzt aus dem Forst, schnurgerade, kilometerlang. Kein Unterholz dämmt das Rauschen der nahen A3. Nach zwei Minuten könnte ich nicht mehr sagen, ob ich 100 oder 5000 Meter tief im Wald stecke. Das Gelände bieten keine Orientierungshilfe, Seitenwege sind die einzigen Anhaltspunkte. Ich zähle mit und hoffe, dass die Kartographen keinen vergessen haben. Zweimal falsch abbiegen und man ist Hänsel & Gretel in einem.

Sebalder Reichswald

In der einförmigen Waldmasse steht statt Hexenhaus allerdings eine Erklärtafel, dahinter eine Lichtung samt kiefernbekröntem Sandhügel. Keine unerwartete Entdeckung – diesmal wusste ich so ungefähr, was mich erwartet, ich hatte die Stelle gezielt als Wendemarke meiner Tour auserkoren.

Binnendüne Erlenstegen

Das Rad abgeschlossen und nach ein paar Schritten stehe ich auf einer Binnendüne. Dergleichen mehr oder minder große Sandflächen gibt es entlang der Pegnitz/Rednitz/Regnitz etliche. Diese hier ist geschätzt 50 Meter breit und 150 lang. Kein künstlich angelegter Strand, um dort Caipis zu nuckeln, sondern ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit (wenngleich der Ursprünglichkeit heute vom Menschen nachgeholfen wird). Zu solch rötlichem Sand wird der Wind in 1000 Jahren auch Nürnberg wieder zerschmirgelt haben. Ringsum und mittendrauf wachsen ein paar Kiefern. Viel los ist nicht: Ein Radfahrer, der mich bereits im Nordostpark überholt hat, pirscht mit einer dicken Spiegelreflex durchs Gelände; eine junge Dame liegt auf ausgebreiteter Decke bäuchlings in der Sonne und arbeitet an ihrer persönlichen Entwicklung, sprich: sie liest. Ich komm mir mit meiner kleinen Knipse mal wieder reichlich albern vor, beziehungsweise wie ein Spanner.

Binnendüne Erlenstegen

Und während mir der Sand in die Bootsschuhe schwappt, denke ich Franken weg und genieße den norddeutschen Augenblick. Die Stelle hier könnte nämlich auch in der Lüneburger Heide liegen. Wenn bloß mal jemand diese elende Autobahn abschalten würde.

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Zwei Kreuzungen weiter die nächste Kuriositäteninsel im Wald: Das Nürnberger Tierheim mit angeschlossenem Tierfriedhof.

Tierheim Nürnberg

Letzteren zu besichtigen hebe ich mir aus Zeitgründen für ein andermal auf. Ziemlich viel Betrieb ist hier. Dicke dunkle Autos wenden ungelenk auf meinem Weg, große Hunde schnüffeln hektisch Freiheit, trotz Leine unberechenbar. Nüscht wie weg hier.

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Fünf Pedalminuten später dann noch eine Merkwürdigkeit, mitten in den Wald geplumpst. Und diesmal tatsächlich eine Überraschung, eine skurrile obendrein. Zuerst halte ich sie für ein gewöhnliches Ausflugslokal, aber bei näherer Betrachtung handelt es sich um eine dieser Nürnberger Brauchtumsspezialitäten, die dem Zuwanderer ewig unergründlich bleiben: Hier steht ein Schießhaus, so eine Art Vereinsheim mit Spielplatz eines örtlichen Schützenvereins. Und zwar hat man sich einen rechten Trumm gegönnt, im vollsten Jugendstil, mit allem Schnick und Schnack.

Schießhaus

Ihre besten Zeiten hat die Anlage indes hinter sich, alles etwas vermoost, vom Zahn der Zeit angenagt bröckelt der Zement. Trotz schönstem Wetter ist der obligatorische Biergarten menschenleer. Wer hier noch unterwegs ist, befindet sich auf dem Rückweg von der benachbarten Minigolfanlage.

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Auch der Eisenbahnarchäologe in mir kommt 500 Meter weiter noch auf seine Kosten – was es nicht alles gibt in diesem Wald: Eine etwas angeschlagene Brücke in völlig schmuckloser Betonbauweise, aus den späten 1930ern, über einen zugewucherten Einschnitt, in dem längst das Gleis fehlt, das einmal den Nordostbahnhof mit der Bahnstrecke Nürnberg – Cheb verband.

Brücke über stillgelegte Güterstrecke

Allmählich erreiche ich wieder besiedeltes Gebiet, Villenterrain im Geschmack der 30er und 60er. Dann geht es steil bergab, am trotz der Sonne spärlich besuchten »Freibad Naturgarten« vorbei, ich bremse mich nach Erlenstegen hinunter.

Eine Viertelstunde später bin ich wieder zuhause, fast zwei Stunden war ich am Ende unterwegs. Die Hälfte der Zeit ist allerdings fürs Fotografieren draufgegangen; und während die Abendmahlzeit auf dem Herd steht, präsentiere ich der Gattin die Ausbeute.

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Nach dem Essen verkabeln wir das Laptop mit der Stereoanlage und führen uns, dem Motto dieser Veranstaltung entsprechend, mit nur vier Jahren Verspätung Match Point von und ohne Woody Allen zu Gemüte (obligatorische Verneigung vor der Stadtbibliothek). Schon bald sind wir uns einig, dass wir das besser gelassen hätten. Die ersten drei Viertel des Films, immerhin anderthalb Stunden, sind völlig berechenbar, mit belanglosem Geplapper mäßig überzeugend gezeichneter Figuren gefüllt. Richtig unterirdisch ist allerdings die deutsche Synchronisation. Über das ewige Präteritum in den Dialogen könnte man vielleicht noch hinweghören. Nicht aber darüber, dass die Sprecher hölzern ihren Text ablesen, ohne jegliches Gefühl für Sprachmelodie, mit falschen Pausen und Betonungen. Mehr als einmal muss ich an das Geplapper eingedeutschter Homeshoppingsendungen denken. Immerhin ist die Musik mal nicht von Hans Zimmer.

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2 Kommentare zu “Durch Dickicht und Düne

  1. Was für eine wahnwitzige Tour. Das Grauen des Gewerbeparks mit einer Binnendüne ausgekontert. Aufs Tierasyl folgt ein Schießhaus. Daraus hätte David Lynch einen abseitigen Alptraum gebastelt.

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