Für ein paar Wochen im Jahr ist dann doch ganz scharmant, am Nordpolarkreis Hamburgs zu wohnen. Während die anderen in der Stadt schmurgeln und sich hinaussehnen, sind wir in der Sommerfrische zuhause. 5 Minuten auf dem Rad, und schon ist zwischen Feld, Wald und Wiesen kein Haus mehr zu sehen.
Nicht faul hole ich am Freitagmittag die Gattin von ihrer Wirkungsstätte ab, und dann pedalen wir auf größtenteils zweifelhaften Wegen durch muffige Gehölze und graugrüne Getreidefelder. Die Kühe haben sich in schattige Feldraine verdrückt, eine Schafherde hat ihren Frisörtermin verpasst, die Vögel halten Siesta. Bei Fahrtwind lässt sichs aushalten, aber sobald wir stehenbleiben, um die Gegend mit der »Wander- und Kulturkarte Hamburg Nordost« abzugleichen, ergießen sich Sturzbäche aus den Hautporen. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir am Ziel, dem Gut Wulksfelde. Dank der jäh hereingeströmten Sommerhitze (und wegen des unterkühlten Frühlings mit etwas Verspätung) sind dort seit Mitte der Woche die Erdbeeren pflückreif.
Wulksfelde ist eine Merkwürdigkeit à la Hamburg, Relikt der Kleinstaaterei: Grundbesitz der Stadt, aber nicht auf dem Terrain des Landes gelegen, sondern in Holstein. Eine Konstruktion, die häufiger vorkam und noch immer -kommt: In der Variante Staatsgut, um Ackerzucht und Viehbau treiben zu können – wofür innerhalb der Stadtgrenzen kein Platz war; oder als Lager in den hiesigen weitläufigen Mooren, wo das wichtige Heizmaterial Torf gestochen wurde. Nicht immer waren die Arbeitskräfte freiwillig vor Ort – was der Rentabilität der Unternehmungen sicherlich nicht abträglich war –: Die Stadt schickte Heimzöglinge und Strafgefangene. Bis zum ersten Hamburger Konzentrationslager war es da nur ein kleiner Schritt. Zum Teil sind die städtischen Besitzungen 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz eingemeindet worden; manche liegen noch heute in SH oder Niedersachsen – wie die JVA Glasmoor. Die soll demnächst nach Fuhlsbüttel umziehen, was bei einem Teil der dortigen Bürger offene Panik auslöst. Gut Wulksfelde ist seit 1989 an einen Trupp »Chaoten« (so die damalige sorgsam abgewogene Einschätzung eines gewissen Blattes aus dem Hause Springer) verpachtet, welcher seitdem recht erfolgreich Biolandbau darauf betreibt. Biobauerntum ist allerdings auch nicht mehr das, was es mal sein wollte.
Die Kundschaft von Ökoläden war ja früher schon schlimm, aber heutzutage ist sie richtig unerträglich. Jedenfalls könnte ich, als wir unsere Räder abschließen, den Typ hauen, der am Kassenhäuschen sein Schälchen bezahlt, während sein schwarzer Monstertruck mit laufender Maschine daneben steht, die Fahrertür sperrangelweit aufgerissen, die Klimaanlage vergebens brüllend und wütend, damit seinem spätgebärenden Gespons auf dem Beifahrersitz die Highheels nicht wegschmelzen. Mannmannmann (Wiewohl: Hauen täte dieser Sorte wahrscheinlich nicht mal weh. Ein Bezinpreis von 10 €/l würde sie schmerzen.) Wir lassen das Leergewicht unserer mitgebrachten Schüssel feststellen und biegen Richtung Pflücksektor ab. Schon aus einiger Entfernung weht uns der süßlich-schwere, parfümene Dunst reifer Erdbeeren entgegen.

Für mich ist es ja das erste Mal, während die Gattin hinreichend Erfahrung auf diesem Feld hat, mit ihrem agrarischen Background. Souverän beugt sich sich über eine Pflanzenreihe und fischt flinkfingrig die prallen, auf Stroh gebetteten Früchte zwischen Kamille, Vergissmeinnicht und Disteln hervor (Bioanbau, wie gesagt).
Pro forma pule auch ich eine Handvoll tiefrote Knubbel aus dem Gestrüpp. Ich hab mich schon als junger Mensch gern und meist erfolgreich gedrückt, wenn es hieß, im elterlichen Kleingarten die Kirschen von den Bäumen zu holen. Oder die Stachelbeeren aus den Sträuchern. Wenn ich dann sehe, in welch rasantem Tempo der Erdbeerpegel in der Schüssel steigt, will mir das Argument der eigenen Ungeschicktheit – oder der Bandscheibe – nicht länger als vorgeschobenes erscheinen. Also beschränke ich mich darauf, die Aktion im Bild festzuhalten, statt im Wege zu stehen.
Nach zehn Minuten ist das Behältnis voll. Eine Verkostung der Früchte vor Ort verkneifen wir uns, da wir bei einer anderen Tour schon den Fuchs durch die hiesigen Felder haben schnüren sehen. Beherzigen lieber die alte Maxime »erst Waschen, dann Naschen«.
2½ Pfund sind’s geworden, wofür ich 4¼ Euro an der Wiegestation lasse. Die Chemobeeren auf dem Wochenmarkt wären teurer gewesen (und dort hätte ich auch 10 Minuten schlangegestanden). Über sandige Wege strampeln wir rasch heimwärts, damit die Früchte nicht von der Gluthitze in Matsch verwandelt werden. Die Hast soll sich noch mit einem Migräneanfall am Abend rächen.
Zuhause putzt die Gattin die Ernte, während ich Sahne aufschlage und Vanilleeis abmesse. Machen wir jetzt eigentlich jeden Stuss mit? frage ich mich dabei. Beim Hafengeburtstag waren wir neulich auch schon, für ein Stündchen. Demnächst Spargelhysterie? Kohl- und Pinkelfahrten? Obendrein sind wir beide nicht mal unbedingt Erdbeerfreunde. Die Gattin im Speziellen, und ich ziehe sowieso ein gescheites Schnitzel jedem Obst vor. Eigentlich eine bescheuerte Aktion, oder? Hätten wir nicht besser die Zeit mit einem Buch im Schatten liegend vertändeln sollen?
Hinaus auf den Balkon. Und zu unserem Erstaunen verleiben wir uns die noch sonnenwarme Beute in einem Rutsch ein. Nä, watt sind die Dinger lecker! Die ersten richtig reifen Erdbeeren seit bestimmt zehn Jahren. Zufrieden halten wir uns die Bäuche: Der Selbstversuch hat die Mühe gelohnt. Kann man machen.

“Let me take you down ‘cos I’m going to strawberry fields…” Schön, Ihnen auch in Ihrem norddeutschen Domizil wieder on tour folgen zu dürfen. Ich dachte schon, Sie kommen überhaupt nicht mehr vor die Türe, oder befürchtete, Sie haben keinen Bock auf Blog mehr.
Schön, wenn man vermisst wird … Beim Berichten lähmt mich derzeit das erdrückende Gefühl, dass über Hamburg schon alles, aber wirklich alles geschrieben wurde.
Ihretwegen habe ich jetzt immer den “Stray Cat Blues” von den Stones im Kopf:
“It’s no hanging matter, it’s no capital crime, oh yeah, you’re a strange stray cat!”
“Nothing to get hung about”, Sie wissen schon. Und dass Ihnen was von den Stones einfällt, sei ausnahmsweise verziehen.