Ich stehe öffentlich zelebriertem Brauchtum ja eher reserviert gegenüber (wobei die Tümler auf einen Miesepeter wie mich beim male bonding und freudlosen Saufen sicher auch gerne verzichten, da hege ich keine Illusionen). Manchmal sind die Ergebnisse des Treibens allerdings nicht zu ignorieren, hin und wieder sogar ulkig anzuschauen: In Franken, speziell der Fränkischen Schweiz drapiert man an Karsamstag seine Dorfbrunnen mit Ostereiern und Grünzeugs und lässt es zwei Wochen dort hängen.

Nicht nur der Brauch an sich ist skurril – im Endeffekt geht es allerdings, neben dem obligatorischen Gemeinschaftserlebnis (hier: Brunnenschmücken) doch wieder mal nur darum, den Mitbewerbern zu zeigen, wer den Schönsten, Größten, Längsten hat –, sein Entstehen ist es nicht minder. Brauchtumspfleger faseln gerne von einem uralten heidnischen, bestenfalls christlich überformten Ritual, doch die Wahrheit sieht nüchterner aus: Es handelt sich um eine schwach verbrämte Maßnahme zur Tourismusförderung, anno 1909 erdacht im Brauerkaff Aufseß, unweit von Bayreuth. Mit einem bunt ausstaffierten Brunnen wollte man Wochenendfrischler ins Dorf und dessen Wirtshäuser locken. Weil die eher bescheidene Sensation erstaunlicherweise funktionierte, übernahm typisch fränkischer Erfindungsgeist die Idee binnen kürzester Zeit flächendeckend.

Osterbrunnen in Lauf, Schwaig und Nürnberg

Noch heute werden die Großstädter, jetzt per vollklimatisiertem Reisebus, zur Brunnenbesichtigung in die darbenden Dörfer der Fränkischen Schweiz geschaufelt. Nicht wenige der Ausflügler werden vor allem irgendeinen Anlass suchen, und sei er noch so gering, mal wieder außer Haus einen schönen Schweinebraten mit Kloß zu essen und dazu ein schönes Bier zu trinken (oder drei). Die amüsierwütige Welt will betrogen sein. In unseren jubiläumsfreudigen Eventzeiten könnte man dieses Jahr wunderbar den 100sten Geburtstag des Phänomens Osterbrunnen begehen, aber dann würde der ganze Schwindel auffliegen.

Wir skeptischen Hollandradstrampler mit proviantprallen Rucksäcken freuen uns dennoch en passant über die lustigen Brunnen, vor allem weil sie für jenen Unfug, der seit ein paar Jahren ganz Norddeutschland mit indonesischem Smog überzieht, sich Einzuschleichen keine Gelegenheit lassen: Das Osterfeuer.