Ich geh ja gerne Einkaufen. Also jetzt nicht: Shoppen. Sondern richtig Einkaufen. Besorgungen und Entdeckungen machen. Gemüsestände auf dem Wochenmarkt abklappern. In asiatischen Lebensmittelgeschäften kann ich stundenlang die Regale inspizieren (und von hinten dann die Stimme der Gattin: »Nein, wir brauchen keine Austernsoße. Ja, du hast bestimmt noch Garam Masala«.) Oder früher Plattenläden. Die Metropolregion ist auch in dieser Hinsicht etwas der Entwicklung hinterher: Plattenläden, und sogar gute, haben sich hier tatsächlich einige halten können. Davon aber ein andermal. Haushaltswarenhöhlen.

Haus der Küche in Aachen

Auch begebe ich mich gern ausführlich auf Suche nach einem Desiderat, oder halte zumindest die Augen offen: »So, ich bin’s leid, ich geh’ jetzt einen Akkuschrauber kaufen. Aber mehr als 15 Euro leg’ ich dafür nicht hin«, wo wir doch höchstens zwei mal im Jahr was schrauben – das ist allerdings wieder eine andere Geschichte.

Für Flohmärkte habe ich hingegen gar nichts über. Entweder wird man totgetrampelt, kommt in den Menschenmassen ohne Ellenbogeneinsatz nicht an die Stände ran; oder es präsentiert sich einem das ewiggleiche Angebot aus versifften, nicht mal einer Grundreinigung unterzogenen Spätlesekelchen aus Pressglas, orangefarbenen Plastiklampen, Kaffeeservices aus 17½ Teilen, stapelbaren Kerzenständern, hölzernen Knabberzeugsnäpfen und Bertelsmann-Lesering-Bänden (danke, aber diesen Trash aus Wirtschaftswunderzeiten erben wir selbst noch früh genug), bzw. Handyoberschalen, chinesischem Elektroschrott und ausgeweidetem mechatronischem Sperrmüll von südosteuropäischvordermittelasiatischen Händlern (an dieser Elendsökonomie werden wir auch noch früh genug teilnehmen dürfen). Dazu fabrikneue Lederimitatgürtel, Heavy-Metal-T-Shirts und geblümte Kittelschürzen.

Bleicherfest in Heckinghausen

Nun liest man ja über fränkisch-bayerische Flohmärkte die dollsten Dinge. Für mich durchaus plausibel, da die Region nun mal eine reichere, längere Geschichte hat als das Bergische Land, wo vor der Bevölkerungsexplosion in erster Linie notleidende Kleinbauern, verelendete Heimarbeiter und Messerdengler in feuchten Bachtälern vor sich hinvegetierten.

Ein abendlicher Gang über den Nürnberger Trempelmarkt (der genau wie der Vohwinkler der größte Flohmarkt in Deutschland zu sein von sich behauptet) brachte Ernüchterung. Kein Unterschied zur Heimat.

Alle 14 Tage gibt es am Nordostbahnhof, keine fünf Fahrradminuten von unserer Wohnung entfernt, ebenfalls einen Flohmarkt. Mit eher völker- bis volkskundlichem Interesse bin ich am vergangenen Samstag dorthingeradelt, mal nachsehen, womit die Einheimischen in unserem Stadtbezirk so ihre Freizeit verbringen.

[Update 2009: Am Nordostbahnhof wird inzwischen nicht mehr getrödelt, sondern gebaut.]

Der Austragungsort ist eine weitläufige Brache, auf der sich einst die Güterumschlagsanlagen befanden und heute gerne Brummis das Wochenende abstehen (von den männlichen Flohmarktbesuchern übrigens fachmännisch kategorisiert und kommentiert). Schlaglöcher so weit das Auge reicht, mit Plastikfolie abgedeckte Gebäudefundamente, Kopfsteinpflaster. Festes Schuhwerk erforderlich. Im Hintergrund verschieben sich auf den Restgleisen knallrote 648er. In zwei langen Reihen die Händler. Tapeziertische und Decken, Autos mit offenen Heckklappen, Radiogedudel.

Flohmarkt am Nordostbahnhof

Das Umfeld stimmt also schon mal. Und auch sonst auf den ersten Blick keine Überraschungen. Verkrusteter Trödel allenthalben. Da ich an diesem trüben Samstagvormittag nichts besseres zu tun habe, schnüre ich die Auslagen entlang. Suche ich eigentlich was bestimmtes? Diverse Deckenlampen könnten wir noch brauchen. Aber Elektrokram würde ich auf so einer Veranstaltung eh nicht kaufen. Ich hab mal eine Stehlampe repariert und anschließend stank sie, sobald die Fassung warm wurde, elend nach Pisse (danke, Hornbach!).

Erstaunlich häufig werden vom eigenen Baum geklaubte Äpfel und selbstgekochte Marmeladen angeboten. Die Lebensmittelaufsicht könnte hier einen Heidenspaß haben.

Sehr jäh kommt die Sonne heraus und am allerhintersten Stand unter einem Plastikkasten mit 3,5″-Disketten steht eine verranzte Küchenwaage. Ich befummle sie mit spitzen Fingern, die Mechanik scheint noch in Ordnung zu sein, trotz des Drecks bewegen sich alle Teile, die sich bewegen sollen. Kaum Roststellen, der Lack ist auch noch dran, soweit ich das erkennen kann. Moderne Waagen sind entweder digital und hässlich oder in der Material- und Verarbeitungsqualität grenzwertige Replikate alter Modelle. Für beides war uns bisher das Geld zu schade. Schließlich werde ich so ein altes, dem hier angebotenen ganz ähnliches Stück von Soehnle, irgendwann auch noch erben. Wie fasziniert habe ich als kleiner Junge nicht die Gewichte hin und her geschoben. Und bin als Baby selbst darauf gewogen worden.

Also wenn jetzt der Kellerschmutz nicht wäre … Unser Messbecher erfüllt immerhin auch seinen Zweck, ganz hervorragend sogar, sieht man mal davon ab, dass ich anderthalb Pfund Kartoffeln damit schlecht abwiegen kann.

Messbecher

Auf dem Rückweg entdecke ich an einem anderen Stand ein fast identisches Waagenmodell. Es ist sogar sauber. Da hat sich mal jemand Mühe gegeben. Zehn Euro sind auch nicht wirklich teuer. Wahrscheinlich wäre der Preis noch verhandelbar, leider habe zum Feilschen nicht die geringste Begabung. Jetzt bin ich doch neugierig, wie andere den Flohmarktwert dieser Geräte einschätzen und mache kehrt. Wahrscheinlich soll sie 15 kosten …

»Ein Euro.« Okay, wenn schon Flohmarkt, dann auch richtig. Sollte das Exemplar nicht mehr zu retten sein, schmeiß ich es halt weg. Und geh in zwei Wochen noch mal zum Kollegen. Den Euro kann ich riskieren. Die Verkäuferin steckt mir das Gewackel noch in die Plastiktüte eines obskuren Landsupermarktes und ich enteile beschwingt zu meinem Rad.

Zuhause wird die Waage einmal mit Kraftreiniger eingesprüht, kurz einwirken lassen und dann mit dem Schwamm drüber, abgespült. Nach zehn Minuten glänzt dann das vor mir in der Sonne:

Küchenwaage

Kann sich sehen lassen. Noch ein bisschen Nachbearbeitung mit Ohrpuhlstäbchen und das Gerät wird in den Betriebsbestand übernommen.

Vielleicht gehe ich künftig doch öfter auf Flohmärkte.