Die beim letzten Umzug umständehalber in großer Hast gepackten Kartons und Kisten sind noch nicht alle geleert, gesichtet und durchflöht, da ist es schon wieder an der Zeit, sie erneut zu befüllen. Also habe ich mir in den letzten Tagen öfters die Grubenlampe aufgesetzt und dabei unter anderem eine halbvergessene Tüte mit Audiokassetten der Firma TDK ans Tageslicht zurückbefördert. Vornehmlich befinden sich darauf Livemitschnitte aus der ersten Hälfte der 80er, selbst gekauft auf dem Camden Lock Market oder durch andere von ebendort mitgebracht.
Da die ältere unserer beiden Winzanlagen noch tapefähig ist, wurde erst mal ein halber Morgen damit verplempert, sinnlos das alte Zeug abzuhören. Die Bänder haben ihren Winterschlaf erstaunlich verlustfrei überstanden. Im Gegensatz zu so mancher CD, die kurz nach der Jahrtausendwende gebrannt wurde und heute höchstens noch als Untersetzer taugt.
Wie seltsam, nach etlichen Jahren die öffentliche Premiere von „Lips Like Sugar“ in Dublin wiederzuhören, eine etwas unbeholfene, rumpelig-schrabbelnde Version des späteren Möchtegernhits, als Set-Opener, kaum wiedererkennbar und in ihrem Dilettantismus charmant anrührend – erst anderthalb Jahre und viele Wirrungen später sollte der Song in glattgebügelter und totproduzierter Version auf dem grauen Album erscheinen. Das ganze unterfüttert mit der Erinnerung an jenen Tag, als ich mit der frisch erworbenen Kassette im auch schon längst verblichenen Walkman-Imitat, der vom Ertrag des ersten Sommersemesterferienjobs erstanden worden war, durch die Londoner Straßen und Parks gelaufen bin. Immer wieder zurückspulend, nicht wahrhaben wollend, dass die Band da längst am Ende war.
Doch ich will mich an dieser Stelle nicht in sentimentalen Reminiszenzen ergehen, in Zeiten von LMA, Dime oder eTree daran erinnern, wie man vor gut 20 Jahren an seinen Stoff gekommen ist, gar der Frage nachgehen, ob die Allverfügbarkeit letztlich nicht einen Verlust darstellt. Verloren gegangen ist nämlich noch etwas ganz anderes.
Im Juli 1983 bin ich durch Zufall und mit unverschämt viel Glück auf eines jener zwei Konzerte der Bunnymen in der Royal Albert Hall gelangt, die gemeinhin als der Höhepunkt im Schaffen jener Band gelten und mit denen sie für kurze Zeit die Weltherrschaft erlangte. Die knapp ein Jahr später veröffentlichte LP Ocean Rain – eine Platte, für die Bill Drummond (of KLF fame), der damalige Manager der Band, immerhin die bescheidene Parole „best album ever made“ ausgegeben hatte, nicht ohne Ironie, aber auch nicht allzu weit off the mark – erschien da nur noch als Nachklapp.
Im London-Sommer darauf hatte ich immerhin eine Cassette mit dem anderen (ersten) der beiden Konzerte erbeuten können – ein Audience-Tape, bei dem man eher nur ahnen konnte, was da wirklich geschehen war, nach heutigen Maßstäben allerhöchstens von dokumentarischem Wert. Da die WEA sich jedoch nie entschließen konnte, vom Multitrack-Mittschnitt mehr als Do it Clean auf der B-Seite der 12″ von Killing Moon zu veröffentlichen, oder gar den Film, den Bill Butt davon gedreht hat, ist es jahrelang die Hauptreliquie in meinem musikalischen Hausschatz gewesen, wiewohl weniger als Anbetungsobjekt denn als Trostspender in allen Lebenslagen und Auslöser so mancher Entrückung.
Ein entsprechend dummes Gesicht habe ich folglich gemacht, als ich die Hülle aufklappte: Leer. Ausgerechnet dieses eine Tape ist nicht mehr da, weg, verschollen, futschikato. Nachdem ich nochmal alle Kisten und Regale durchforstet habe, hege ich einen – nicht mehr zu verifizierenden – Verdacht: Ich habe es mitsamt der Saba-Kompaktanlage auf den Sperrmüll gestellt. Vielleicht hätte ich vorher nochmal einen Blick in das Cassettenfach werfen sollen.
Ein kleiner Trost: Zwei Tracks von »meinem« Konzert sind auf der 2001 erschienen Werkschau enthalten, vom Film wurde zumindest ein knapp einstündiger Ausschnitt bei einer entlegenen TV-Station ausgestrahlt und dankenswerterweise von irgendwem auf VHS-Band mitgeschnitten. Zum Glück hat derjenige auf seine Cassette besser achtgegeben als ich auf meine und sie digitalisiert unters Volk gebracht.)


