Wenn man aus Richtung Würzburg mit dem ICE anreist, dabei in Fahrtrichtung rechts sitzt und aus dem Fenster gucken kann, weil zufällig keine der Streben im Weg ist, erblickt man kurz vorm Nürnberger Hauptbahnhof eine längere Reihe von schmucken Gründerzeitfassaden. »Sieht gar nicht mal schlecht aus, dieses Nürnberg« denkt man sich dann. Nur um später festzustellen, dass diese Häuser in Fürth stehen.
Fürth ist der westliche Nachbar Nürnbergs und an ihren Rändern sind die beiden Städte ruhrgebietsmäßig miteinander verwachsen. Es hat immer wieder Versuche gegeben, Fürth nach Nürnberg einzugemeinden; sie blieben bis heute erfolglos. Im Alltag der Bewohner spielen tribalistische Befindlichkeiten sowieso kaum eine Rolle: Man pendelt munter zwischen den Orten und her, sei es per Auto auf der vierspurigen B8 oder der A73, oder mit der U-Bahn, welche die Innenstädte alle paar Minuten verbindet, bei einer Viertelstunde Fahrzeit. Arbeitsstätte und Einkaufsmöglichkeiten sind halt wichtiger als brusttrommelnde lokalpolitische Scharmützel um Fördermittel des Landes Bayern.
In baulicher Hinsicht ist Fürth allerdings das glatte Gegenteil von Nürnberg, zumindest was die Innenstadt angeht. Sie wurde nämlich im 2ten Weltkrieg von den Bomberverbänden weitestgehend verschont, und auch die üblichen 70er-Jahre-Sünden halten sich in Grenzen. Mehr als 2000 Baudenkmäler sind dort auf engstem Raum versammelt. Somit bietet sich dem Flaneur ein geschlossenes, insgesamt intaktes Stadtbild dar. Im Vergleich sieht Nürnberg jung aus. Ich muss sagen, ich hatte dergleichen nicht erwartet. Fürth ist zwar nicht Görlitz (das ich noch vor der Steuersparmodellgeneralsanierung kennengelernt habe), aber hier wie dort kann man die Entwicklung der Stadt sehr schön am Stadtbild ablesen: Kleinstädtischer Altstadtkern aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit viel Fachwerk, und drumherum die großstädtischen Ensembles der Gründerzeit. Vor allem letztere lohnen den Besuch – so ausgedehnte, zusammenhängende Straßenzüge mit Bauten des Historismus findet man in keiner westdeutschen Stadt. Ein bisschen Jugendstil gibt es auch noch, aber vom Fassadenschmuck her tritt der ähnlich zurückhaltend wie in Nürnberg auf (eine der wenigen architektonischen Gemeinsamkeiten beider Städte). Die Gründerzeit präsentiert sich mit allem verfügbarem Protz. Dabei ist die Formensprache zwar dieselbe wie in anderen Städten, das Material aber ein völlig anderes, nämlich der in der Region allgegenwärtige rötliche Sandstein. Und so kommt der hiesige Historismus weitgehend ohne Putz und Stuck aus, stattdessen haben sich die Steinmetze ausgetobt. Vielleicht liegt es an dieser robusten Ausführung, dass Fürth der Entstuckung entkommen ist, aber ehrlich gesagt weiß ich den Grund nicht. Jedenfalls zeigen sich die Fassaden noch sehr einheitlich im ursprünglichen Aussehen, als authentisches Zeugnis der Lügenhaftigkeit der Gründerjahre, ohne die bunt plärrenden Anstriche der 80er oder das neuerdings allseits beliebte Weiß und Barockgelb (über deren restaurativ-reaktionären Charakter und was sich daraus über den Zustand und die rückwärtsgewandte Verfasstheit unserer Gesellschaft, die oberflächliche bis verlogen-korrupte Sehnsucht nach vermeintlich sichereren herrenreiterlichen Zeiten ablesen lässt, könnte man auch noch einige Worte verlieren). Das Auge hat hier noch Beschäftigung. Heiter und leicht sind die Straßenzüge in der Wirkung sicherlich nicht, da kann das Rathaus noch so italienisch tun; aber zumindest eine Anmutung von Frankreich kann ich nicht verleugnen. Fürth steht architekturtouristisch zu Unrecht im Schatten der großen Nachbarstadt, es hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, auch bundesweit.
Die Wohngebiete sprühen allerdings ähnlich wie die in Nürnberg nicht gerade vor Leben. Einkaufen und Ausgehen konzentrieren sich ebenfalls auf die Innenstadt, wobei Fußgängerzone und Fressmeile deutlich getrennte Veranstaltungen sind. Ersterer ist gerade eine neue Pflasterung spendiert worden, in der Absicht und Hoffnung, damit Einkäufer von Nürnberg wegzulocken. So richtig scheint die Straße nämlich nicht zu brummen, wenngleich wir keinen Leerstand entdeckt haben. Die Infrastruktur ist also noch einigermaßen intakt. Selbst aus dem Südviertel genannten Stadtteil, den die Gleisanlagen des Bahnhofs von der Kernstadt trennen, ist man dank einer langgestreckten Unterführung binnen 5 Minuten zu Fuß bei den Geschäften. Und der U-Bahn sowieso. Womit wir wieder beim Anfang wären – denn genau jenes Südviertel war es, das man bei der Anreise aus dem Fenster des ICEs erblickt hatte.
Spaßeshalber haben wir uns dort gleich mal eine Wohnung angesehen. Aber davon mehr in der nächsten Folge.


7. April 2008 at 8:26
Schöner Bericht über die Kleeblattstadt! Ist schon besser, dass man sich immer gegen eine Eingliederung nach Nürnberg gewehrt hat
25. April 2008 at 6:34
Fürth führt und würd vürter.
25. April 2008 at 4:03
»Playmobil-Stadion« ist allerdings noch einen Tick bescheuerter als »easyCredit-Stadion« oder »rewirpowerSTADION«.
29. April 2008 at 11:06
Finde Fürth klasse.
Da wohnt und arbeitet mein Bildbearbeiter aus McCann-Zeiten, der Heinz Bollinger. Ein Haus und eine Jugendstilwohnung wie ein Traum. Das war vorgeblich damals die Straße reicher emgirierter Juden in der Innenstadt, von der Fürth munkelt, ihr Einfluss in den USA habe das Bauensemble vom Bombenabwurf verschont. G*ttseidank. Seit dem Fest dort mit den Sitar-Spieler restlos von Fürth überzeugt.
Die Vroni
7. Mai 2008 at 4:39
Kein Mensch hier sagt „Südviertel“ zur Südstadt…
12. Mai 2008 at 4:09
[...] In einem unbekanntem Land: Keine Website zum Thema Fürth, sondern nur ein einzelner, aber sehr lesenswerter Beitrag über die Stadt. [...]