26. 03. 2008...10:22

In einem unbekannten Land, Folge 2

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Wenn Nürnberg schon nicht schön ist, so ist sein Plärrer der hässlichste Platz der Republik – jedenfalls seitdem der Vorplatz des Bremer Hauptbahnhofs in den 90ern umgestaltet wurde. Als ehemaliger Eisenbahnfreund legt man hier trotzdem eine Gedenksekunde ein, schließlich begann an diesem Ort vor nunmehr 173 Jahren der öffentliche Eisenbahnverkehr in Deutschland. Die Bayerische Ludwigsbahn ist längst stillgelegt, doch auf ihrer Trasse kann man größtenteils auch noch heute fahren. Dazu muss man sich am Plärrer in den Untergrund begeben und in eine U-Bahn der Linie 1 steigen. Mit ihr gelangt man der historischen Linienführung folgend in 11 Minuten zum Bahnhof der Nachbarstadt Fürth.

U-Bahn? U-Bahn. Keine aufgebrezelte Straßenbahn mit hybridem U in der Liniennummer, keine »Stadtbahn«, wie sie zum Beispiel in Dortmund gerade mal wieder erweitert wird. Sondern eine richtige U-Bahn mit Stromschiene unten statt Pantographen auf dem Dach. Das Nürnberger ist das kleinste, jüngste und unbekannteste der vier U-Bahn-Systeme in Deutschland1, technisch und entstehungsgeschichtlich eine kleine Schwester des Münchner Betriebs, mit bis dato gerade mal zwei Linien. (Eine dritte entsteht gerade, funktioniert aber noch nicht, weil sie bei Siemens eingekauft wurde.)

Wenn man kein Auto sein eigen nennt (und an diesem Zustand auch nichts ändern möchte), muss man sich natürlich ansehen, was der ÖPNV des künftigen Wohnorts so zu bieten hat. Der erste Eindruck ist durchwachsen. Die Innenstadt (also Altstadt und umliegende Wohnviertel) wird von U- und Straßenbahn sehr gut erschlossen, einige Buslinien ergänzen das Angebot. Tagsüber ist der Takt sehr dicht, man verliert beim Umsteigen kaum Zeit. Die Schienen reichen aber nicht bis in die Vororte oder gar ins Umland hinein. Die Strecken sind auffällig kurz; wenn man weiter draußen wohnt, muss man an den Endstellen vom oder in den Bus umsteigen. Und je weiter abseits der Hauptachsen man sich bewegt, desto seltener verkehren die Busse: Ein 40-Minuten-Takt ist für spontane Fahrten wahrlich nicht mehr zu gebrauchen.

Der Blick ins 2000 Seiten starke Fahrplanbuch des Verkehrsverbunds Großraum Nürnberg offenbart endgültig Deprimierendes: massenhaft Tabellen mit genau zwei Verbindungen pro Tag, samt Fußnote »nur an Schultagen«. Auf dem Land leben und in Nürnberg arbeiten kann man eigentlich nur, wenn man bereit ist, Auto zu fahren. Eine Top-Sehenswürdigkeit wie Schloss Weißenstein in Pommersfelden ist am Wochenende mit den Öffentlichen gar nicht zu erreichen. Ich öle in Gedanken schon mal das Fahrrad.

Nürnberg hat aber nicht nur Straßen- und U-Bahn, sondern auch eine von der Deutschen Bahn betriebene S-Bahn. Die ist denn teilweise auch für die Anbindung der Vororte zuständig. Ihr Netz wächst langsam aber kontinuierlich, wobei mir zumindest auf Nürnberger Gebiet die Verknüpfung mit den städtischen Linien nicht überall optimal zu sein scheint. Das Rollmaterial weckt Heimatgefühle, schließlich verkehren hier (noch) Wendezüge mit x-Wagen und 143ern2. Zu guter letzt existieren noch einige Regionalbahnlinien, die aber mit ihrem Stundentakt für den innerstädtischen Verkehr praktisch ohne Bedeutung sind. Dabei habe ich auch den gruseligsten Haltepunkt kennenlernen dürfen, der mir je untergekommen ist: »Nürnberg – Rothenburger Straße«, zwischen Hauptbahnhof und Fürth gelegen, sogar mit Verknüpfung zur U2, bei sagenhaften zwei Zügen pro Stunde und Richtung (und die auch noch im Abstand von 5 Minuten) – ein finsteres Betonloch in der unerreichbarsten Ecke einer Kreuzung von Stadtautobahn und Ausfallstraße. Immerhin musste der (dankenswerterweise noch vorhandene) Schaffner ganze Horden von kofferbepackten asiatischen Touristen und tütenbehangenen türkischen Muttis in seinen Zug zurückscheuchen, die sich, weiß der Geier warum, schon in Nürnberg, also am Hauptbahnhof, wähnten.

Fazit: In der Innenstadt und den umliegenden Quartieren kann man sich mit U- und Straßenbahnen sehr gut fortbewegen, unterirdisch wird tagsüber abschnittsweise im 3½-Minuten-Takt gefahren und auch an der Oberfläche sind die Bahnen mindestens alle zehn Minuten unterwegs. Wenn man sich der Stadtgrenze nähert oder von den Rennbahnen entfernt, verschlechtert sich das Angebot rapide. Das Streckennetz wäre noch ausbaufähig; dummerweise konzentriert man sich momentan darauf, das wenige vorhandene Geld im Untergrund zu vergraben. Ferner sind die Umlandstrecken der DB mäßig ins städtische Geschehen integriert. Vielleicht sollte man den Stadträten mal eine Studienfahrt nach Bremen oder Karlsruhe spendieren.

Was die Preise angeht: Im Bartarif und bei den nach 9 Uhr gültigen Zeitkarten (also auch den Tagestickets) ist der VGN eher billiger als der VRR, dafür langt man bei den Monatskarten für Pendler richtig hin, vor allem bei größeren Entfernungen. Und so schöne Dinge wie verbundweite Gültigkeit am Abend und am Wochenende oder Erweiterung des Geltungsbereichs per Zusatzticket gibt’s natürlich gleich gar nicht. Wer mal kurz einen Ausflug von Nürnberg nach Neustadt an der Aisch machen möchte (warum auch immer), darf den vollen Fahrpreis hinlegen, auch wenn er ein für Nürnberg gültiges Monatsticket besitzt. Die Betriebswirte mögen sich darüber freuen – verkehrspolitisch (und damit volkswirtschaftlich) ist das eher ungünstig.

Entsprechend ist Nürnberg trotz allem voll von Autos. Und der Franke als solcher ist so geradeaus, dass man glatt meinen könnte, er müsse sich fürs Blinken verbiegen. Man schaut als Fußgänger bisweilen so verschreckt drein wie das bekannte dürersche Kaninchen.

Da die Gattin direkt gegenüber der Burg arbeitet, kommt für uns als künftiger Wohnort nur eines der Viertel mit U- oder Straßenbahnanbindung in Frage (in einer Pendlerhölle auf dem Land wohnen, wollen wir sowieso nicht). Momentan genießt sie sogar den Luxus, in fußläufiger Entfernung vom Verlag zu wohnen – in 15 Minuten einmal quer durch die Sebalder Altstadt. Was sie bei der Monatskarte spart, geht allerdings für die Miete wieder drauf. Auch das ein Aspekt, der Wohnungssuche berücksichtigt sein will.

Mehr dazu in einer der nächsten Folgen.


1 Jaja, liebe Popcornfreunde, ich weiß, dass auch Frankfurt eine Linie hat, die alle U-Bahn-Kriterien erfüllt. Aber es ist eben nur eine Linie innerhalb eines Stadtbahnsystems. Und als Wuppertaler muss ich natürlich unsere U-Bahn h.c. erwähnen, mit Stromabnehmern und Rädern oben. Selbige hat der Nürnberger Industrie übrigens einiges zu verdanken.

2 Auch bei der Straßenbahn verkehrt mit den B-Wagen (ebenfalls: noch) ein Typ, der ursprünglich für das Ruhrgebiet entwickelt wurde.

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