24. 03. 2008...01:05

In einem unbekannten Land

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Zurück aus dem Dortmund des Südens (mit einer Prise Derendorf und einem kräftigen Schuss Neukölln). Mit anderen Worten: Was ist dieses Nürnberg hässlich!

Wie Dortmund hat die Stadt einen mittelalterlichen Kern, ist sie mit der Industrialisierung sprunghaft gewachsen, wurde sie im 2. Weltkrieg von Bomberverbänden gründlich zerlegt und in den 50er Jahren dem alten Grundriss folgend neu erbaut. Wie in Dortmund findet man ältere Bausubstanz aus wilhelminischer Zeit noch in den Vierteln rings um die Kernstadt, aber auch hier sind wie dort zusammenhängende Straßenzüge selten. Und abermals wie in Dortmund hat sich die Industrie weitgehend aus der Stadt verabschiedet, werden die brachliegenden Terrains von der alten Bebauung befreit und kleinteilig umgenutzt. Und letzte Parallele zu Dortmund: In der Innenstadt wurden die mittelalterlichen Kirchen wieder aufgebaut.

In zwei Dingen unterscheidet sich Nürnberg allerdings fundamental von Dortmund: Zum einen ist da der Fluss, der die Altstadt durchschneidet und deutlich gliedert und mit den zugehörigen Brücken und angrenzenden Wegen für Stimmung sorgt. Dasselbe konnte und kann der Hellweg für Dortmund nicht leisten. Und zum zweiten sind da Burg und Stadtmauer, welche die Stadtsilhouette gründlich prägen. Sie bestehen zwar aus herzlich wenig originaler Bausubstanz, sind aber mit einiger Liebe und Sorgfalt getürkt.

Dass Nürnberg auf dieser spärlichen Basis heute immer noch und wieder Reisende aus aller Welt wie die Fliegen anzieht, ist ein mir unerklärliches Mirakel. Wer die deutsche Stadt, wie sie früher einmal war, sehen möchte, wäre in Lüneburg, Quedlinburg oder Görlitz (um mal drei völlig unterschiedliche Beispiele zu nennen) weitaus besser aufgehoben. Nur ist mit den Namen dieser Städte keinerlei emotional value verbunden. Keine Ahnung, wie Nürnberg es geschafft hat, sich dieses altdeutsche, romantisch verklärte Image zu erhalten, es aus seiner Geschichte in die Gegenwart herüberzuretten. Es bedarf schon einer sehr selektiven Wahrnehmung, um das mit der Seele Gesuchte in der Wirklichkeit zu finden.

Die oben genannten Kirchen dürften dabei eine wichtige Rolle spielen, sind sie doch (anders als diejenigen Dortmunds) mit hochwertigem spätmittelalterlichem Kunsthandwerk vollgestellt, das durch bürgerliche Klugheit - sprich Auslagerung in Bunkern - vor den Fliegerbomben bewahrt wurde. Etwas verstört nimmt man zur Kenntnis, dass genau diese Hauptkirchen samt und sonders der lutherischen Fraktion der evangelischen Kirche angehören. Und auch die wenigen anderen wie Inseln in der 50er-Jahre-Soße lagernden 1:1-Modelle bürgerstolzer städtischer Baukunst der späten Gotik und frühen Renaissance sind in mehrfacher Hinsicht solitär. Ein punktuell über die Stadt verteiltes Freilichtmuseum, in dem Epochen wie Barock und Klassizismus fast völlig fehlen. Den wenigen erhaltenen privaten Profanbauten innerhalb der Stadtmauer, die der Bombardierung zufällig entgangen sind, zumeist Fachwerkhäusern der Renaissance, ist erst Ende des 20sten Jahrhunderts restauratorische Aufmerksamkeit und Wertschätzung zuteilgeworden. (Sowieso ist Nürnberg auch noch von richtigen Museen voll. Wenn man Neigung zu dergleichen hegt, kann man sich auch bei Schnee und Regen die Zeit in dieser Stadt trefflich vertreiben.)

Und nachdem sich beim Besucher die erste Irritation über die kuriose Grundverfassung Nürnbergs gelegt hat und man bei der Stadterkundung allmählich in die den Mauerring umgebenden Quartiere vordringt, dorthin wo einst das barocke Nürnberg war, in Form von zighundert Luxuskleingärten betuchter Bürger, dann die nächste, auch auf die Innenstadt zutreffende niederschmetternde Erkenntnis: Wie kahl ist diese Stadt! Und das ist nicht nur dem Winter geschuldet. Sie besteht in erster Linie aus Stein. Beton, rotem Backstein, rotem Sandstein. Lange Schluchten, kaum Auflockerung in Form von Gärten oder begrünten Plätzen, selbst Straßenbäume sind eine Seltenheit, obwohl für sie Raum reichlich vorhanden wäre. Stattdessen Blech, sehr viel Blech. Und auch an den Fassaden nichts, an dem das Auge hängen bleibt. Bei den Bauten aus den 50ern ist das nicht weiter verwunderlich; doch selbst beim Bestand aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende gibt es nicht den von westdeutschen Gründerzeitvierteln bekannten opulenten, verspielten Schmuck aus industriell gefertigtem Stuck oder die tümelnde Verwinkeltheit des Heimatstils. Stattdessen: nackte rote Wände, höchstens mal ein paar neogotische Sandsteinschnörkel über den Fenstern. Verputzte Fassaden findet man nur bei den klobigen Mietshäusern aus der Zeit direkt vor dem ersten Weltkrieg, spärliche Verzierungen verweisen da auf den Jugendstil. Auch werden die Häuserfluchten kaum durch Balkons aufgelockert, selbst im Sommer wird dort nirgends ein Blumenkasten hängen können. Kalt, abweisend, einschüchternd wirken die Straßenzüge. Kein Wunder, dass die Nazis die Stadt in ihr Herz geschlossen hatten. Die wenigen Läden stehen leer oder darben, oder beherbergen Liebhaberunternehmungen für Special-interest-Gruppen. Es bleibt rätselhaft, woher die hier Wohnenden abends spontan ein Fläschchen Bier kriegen. Im Quartier bekommen sie es jedenfalls nicht. Und Gastronomie, welche an Sommerabenden die menschenleeren Straßen mit Leben erfüllen könnte, sieht man ebenfalls nicht.


Doch nicht nur straßenseitig zeigen sich die Häuser verschlossen: Erschüttert stellt man fest, dass es gleichermaßen zum Hof hin keine Balkons gibt. Die daheim allgegenwärtigen Loggien sind hier völlig unbekannt. Und auch die Innenhöfe der Blocks sind unersprießlich: Wo nicht Kleingewerbe in Schuppen sein Dasein fristet, sind sie mit noch kärgeren Hinterhäusern vollgestellt. Insofern böten Balkons eh keinen erquicklichen Ausblick.

Und für das, was jenseits der innenstadtnahen Viertel noch folgt, fehlen dem Flaneur endgültig alle Worte.

Als nächstes drängt sich der Eindruck auf, dass Nürnberg im Verhältnis zur Zahl seiner Einwohner recht klein ist. Man ist schnell durch die geschlossene Bebauung durch, die Menschen leben gedrängt in der Altstadt und um sie herum. »Hohe Wohndichte« heißt das wohl. Es gibt keine Nebenzentren mit eigenständiger städtischer Infrastruktur - kein Lennep, kein Altenessen, kein Hörde, kein Wattenscheid, kein Deutz lenken vom Kern ab. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: der Südstadt. Deren Hauptachse weckt beim Betrachter allerdings in erster Linie Erinnerungen an Berlin-Neukölln, speziell an die Karl-Marx-Straße, oder meinetwegen auch an Köln-Kalk. Muss ich noch mehr sagen?

An der Peripherie finden sich etliche aufgeblasene, zugewucherte Dörfer, auch sie 50/60er-Jahre-Wüsteneien. Und dann kommen schon Fürth, Erlangen und Schwabach.


Wahrscheinlich sind letztere Städte im Umland die oben vermissten Neben- bzw. Unterzentren, deren Eingemeindung bloß vergessen oder nicht gewollt wurde, nicht durchgesetzt werden konnte. Nachbarn mit irrationaler gegenseitiger Abneigung. Pendlerhöllen einerseits (mit der U-Bahn benötigt man von Fürth nach Nürnberg ungefähr ebensolange wie mit der Schwebebahn von Oberbarmen nach Elberfeld), aber auch Wohnplätze mit eigenem Stolz und eigener Identität. Von den völlig andersgearteten Gründerzeitvierteln Fürths oder dem barocken Erlangen wird an dieser Stelle noch die Rede sein.

Und wo bleibt das Positive? Okay, ausnahmsweise: Weil Nürnberg so »klein« ist, so auf seinen Kern fixiert und ausgerichtet, verabschiedet sich das Leben abends nicht aus der Altstadt, jedenfalls nicht komplett. Man wohnt auch innerhalb der Stadtmauer, kauft hier ein, geht hier aus - und das räumlich gut vermischt. Selbst jetzt, im Winter, stehen überall Stühle vor der den Lokalen, und sie bleiben nicht leer (das könnte allerdings auch mit dem Rauchverbot zu tun haben …) Am Wochenende ist erwartungsgemäß halb Franken zu Besuch, und im Sommer wird sicherlich noch die ein oder andere zusätzliche Touristenfalle aufgestellt. Doch selbst an einem schneeschaurigen Mittwochvormittag ist auf den Straßen auffallend viel los. »Urban« ist vielleicht zu hoch gegriffen; ich habe andererseits schon weitaus unlebendigere Innenstädte gesehen.

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