Meine jungen Jahre sind, wie es bei Philip Larkin treffend heißt, „a forgotten boredom“. Nichts, weswegen man sentimental werden müsste. Kein Verlust. Alles ganz weit weg.

Manchmal aber durchwallt mich dann doch Bestürzung darüber, wie viel selbst von dem, was ich nicht vergessen habe oder haben wollte, inzwischen endgültig verschollen ist. Nicht selten dünken mich die 60er und 70er des 20. Jahrhunderts weiter entfernt als dieselben Jahrzehnte des 19. Und dann wird es schwierig, wenn ich der Gattin, die – wiewohl nur drei Jahre jünger – auf ihrer ostfriesischen Warft so ganz anders aufgewachsen ist, mal erklären will, was unsereins so in der Kindheit beschäftigt hat. Da hat es, wie der zonebattler neulich meinte, »etwas Anrührendes, wenn derlei Tand nach vier Dezennien noch unverändert zu haben ist …« Und mit genau dieser Empfindung traf ich neulich unvermittelt im Shop des Deutschen Museums in der Münchner Innenstadt einen alten Bekannten wieder, der einst im Schaufenster eines jeden Spielwarengeschäfts neben der Märklin-Fertiganlage unverdrossen vor sich hin nickte:

Trinkvogel

Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Kauf meiner Reputation daheim und in der Welt förderlich ist. Allerdings bin ich in unserem Haushalt nicht der einzige, den man in einer Art meditativen Versenkung vor diesem schrägen Vogel ertappen kann. Oder ist es eher sinnlos gespannte Erwartung? Wird er das Gesetz befolgen, nach dem er angetreten? Oder überlegt er es sich vielleicht doch mal anders? Kippt nach hinten? Bleibt einfach stehen? Dreht sich um und geht?

Landungsbrücken raus

Jaja, ich weiß, der obere Teil ist am Baumwall aufgenommen worden, und nicht an der Haltestelle Landungsbrücken. Eine Station zu weit gefahren. Aber ich hätte die Hafenrundfahrt mit der U-Bahn in diesem Moment nicht eine Sekunde länger hinauszögern können. Ist es wirklich fast 20 Jahre her, dass ich zum letzten Mal auf diesen Gleisen gefahren bin? Kinders, wo ist die Zeit geblieben?! Da gibt es einiges nachzuholen. Wie oft hab ich damals, immer nur auf der Durchreise, nicht gedacht: Holla, das könnte man öfters machen! Und völlig unerwartet ist die Gelegenheit da. Die Beziehung wird ruppiger werden als die zur Bratwurschtmetropole, aber auch lebhafter. Weniger gemütlich, dafür mehr Höhepunkte. Hoffentlich. Jedenfalls: eine Woche noch, und dann nichts wie rauf nach Hamburg, meine Schatzstadt, wo am Hafen die Schiffe und die Fische schlafen, du eitle Hanse, alle wollen dich, und du weißt das, und du genießt das, und dir gefällt das, und du brauchst das, du sexy Hamburg. Sehr unwirklich noch, das alles.

(Ahhh, ich spüre die ersten Symptome: Die popkulturellen Referenzen häufen sich. Haut mich, wenn’s zu schlimm wird …)

Ein Jahr lang ist er mir treuer Begleiter gewesen und sieht inzwischen ein wenig, ahem, mitgenommen aus: der Fahrradstadtplan.

Fahrradstadtplan NürnbergGenau der richtige Zeitpunkt also, ihn auf den Rand zu stellen.

Ich habe ja viel mit Nürnberg gehadert, aber dieses Mammutblatt aus städtischer Eigenzüchtung verrät einem tatsächlich erschöpfend, wie man die Feindberührung minimieren kann. Insofern waren das vier gut angelegte Euros. Per Velozipedes kommt man hier sowieso am schnellsten voran. Das liegt zum einen daran, dass die Stadt ziemlich kompakt gebaut ist, auf pfannkuchenplattem Gelände. Zum zweiten gibt es an den Hauptverkehrsadern fast durchweg Radstreifen. (Alles völlig neue Erfahrungen, wenn man aus einer zerfransten, bergigen Stadt kommt, in der man das Rad eigentlich nur als Sportgerät benutzen kann und ansonsten viel Zeit damit verbringt, auf den Bus zu warten.) Und last not least hat sich das zuständige Amt bei der Freigabe von Einbahnstraßen in Wohngebieten nicht lumpen lassen. Verhältnisse, wie ich sie vor zehn Jahren noch nur aus den Niederlanden kannte, neidisch die „uitgezonderd-fietsen“-Zusatzschilder bestaunend:

Radfahren

Insofern wundert es mich, dass hier nicht mehr Leute auf ihr heiliges Blechle verzichten. Aber vielleicht sind die Besitzer all der Kisten, welche die Bürgersteige verstellen, ja just mit dem Radl unterwegs, biergartenwärts.

Parken

Gerechterweise sei gesagt, dass die oben abgebildeten Gefährte insgesamt vorschriftsmäßig geparkt sind – die Stadt hat dazu wieder ein ganzes Bestiarium von Schildern in die freie Wildbahn entlassen:

Schräg parken

Gut, man muss vielleicht nicht den Bordstein als Anschlagkante für die Vorderreifen benutzen, wenn die Schnauze einen Meter in den Gehweg ragt, hinter der Fott aber noch dieselbe Spanne Platz ist. Aber insgesamt manifestiert sich da das Problem, dass in den letzten Jahren der Parkraum nicht im selben Maß gewachsen ist wie die Produkte der Autoindustrie. Und damit meine ich nicht mal die Menge der zugelassenen Fahrzeuge, sondern das schiere Volumen der einzelnen Gefährte. Und durch die Abwrackprämie hat sich die Situation im letzten halben Jahr nochmal deutlich verschärft. Die Freude des jungen Mannes, endlich die parkenden Wagen zu überragen und den Blick schweifen lassen zu können, hat nur kurz gewährt. Inzwischen bewege ich mich zu Fuß wieder in – enger gewordenen – Schluchten mit Wänden aus Blech und Stein. Allein das ein Grund, aufs Rad zu steigen. Letztlich muss sich die Stadt, hader hader, allerdings etwas anderes als obige Verlegenheitslösungen einfallen lassen, um nicht unter den Automassen zu ersticken. Alle drei Jahre zwei U-Bahnstationen zu eröffnen reicht eher nicht aus.

Eigentlich wollte ich aber ganz was anderes erzählen: Nämlich dass mir drolligerweise wirklich jedes Mal, wenn ich coram publico den Fahrradstadtplan gezückt habe, um die weitere Route zu eruieren, wildfremde, zufällig passierende Pedaleros abrupt bremsend ihren Beistand angetragen haben. Auf Hochdeutsch oder im mumpfigsten Dialekt, LKW-Planen-Taschenträger mit rosa Hemden ebenso wie verknitterte Mütterchen mit Bäuerinnenkopftuch. Dutzende Male ist mir so geschehen. Wo dem Franken als solchem doch der Ruf anhängt, ausgesprochen stieselig zu sein. Diese spontane Zutraulichkeit ist auch und gerade in ihrer Zuverlässigkeit ein mittleres Mirakel, das mich ebenso verstört wie positiv überrascht. Um auch mal was Nettes über Nürnberg zu sagen.

Bisher hatte ich ja immer unser dichtbesiedeltes, lebendiges Viertel ob der gleichzeitigen Abwesenheit unsinnigen Lärms gepriesen. Ab und zu dreht mal einer an der Stereoanlage durch, maximal. Nachdem allerdings heute morgen die fünfte Baustelle in meiner unmittelbaren Umgebung eröffnet wurde und mich der Radau allmählich raderdoll macht, nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil.

Baustellen
l.o.: Nachbarhaus; l.u.: schräg gegenüber rechts; m.: Hinterhaus Rückseite; o.r.: schräg gegenüber links; u.r.: Hinterhaus.

Und sonntags packen dann die jungen Mütter ihre Brut samt Bob-der-Baumeister-Utensilien in die Hinterhöfe und brüllen sie im greinendsten fränkischen Tonfall an. So langsam wird es Zeit zu gehen.

Ich habe ja vorm letzten Umzug etliche Karohemden zu Oxfam gegeben, die, wie soll ich sagen … beim Waschen am Kragen eingelaufen waren. Und trotzdem werden es nicht weniger:

Karohemden

Immer wieder erstaunlich, wie viele Variationen dem Thema abzugewinnen sind. Die Gattin bestreitet ja meine These, dass man eigentlich nicht genug Karohemden haben könne.* Angeblich sähen die alle gleich aus. Ich könnte mich tatsächlich auch mal zu was anderem hinreißen lassen, einem Hawaiihemd etwa (passend zur Ukulele), oder gar sowas. Aber das ist dann auch wieder nicht recht. Wahrscheinlich befürchtet sie, dass ich damit das nächste Sammelgebiet aufmachen würde. Wohl zu recht. Also übe ich mich in Zurückhaltung und gehe auch weiterhin in die Tiefe statt in die Breite. Zumindest hemdenmustertechnisch.

*Dabei bügele ich die alle selbst, außer vielleicht in Krisenzeiten (= Abgabetermin dräut).

Es ist seit letztem Jahr schöner Brauch, dass ich zum Geburtstag ein Saiteninstrument geschenkt bekomme.

Ukulele

Mittlerweile haben sich die Mechaniken beruhigt und die Saiten bleiben halbwegs stabil gestimmt. Und seitdem ich begriffen habe, dass sich eine Ukulele spielt wie eine Gitarre mit Capo im 5. Bund, bei der E- und A-Saite fehlen, freut sich die Gattin einen jeden Tag, den der Herr werden lässt, über meine Neuinterpretation des Grateful-Dead-Songbooks.

Und nächstes Jahr dann bitte die da

Die Gattin entstammt ja einer ostfriesischen Agrariersippe, die praktisch seit Erfindung des Deichbaus dem Meer abgerungene Scholle beackert hat, direktemang hinter der Wasserkante. Ich als unbedarfter bergischer Neuzugang hatte daher eine innigliche Verbundenheit der Familie zur Nordsee erwartet. Pustekuchen. Nur einer ist je auf die See hinausgefahren: der Gattin Großvater im Winter ‘29 mit dem schweren Daimler über das vereiste Watt nach Norderney. Ein Stunt, von dem die Großmutter der Überlieferung zufolge wenig angetan war. Inzwischen habe ich gelernt, dass Marschbauern in der Regel entschiedene Landratten sind. Von der See erwarten sie nur eines: Dass sie hinter jenem antimaritimen Schutzwall bleibt, der die anrollenden Wogen von der Agrarindustrie fernhält, und die Felder in Ruhe lässt. Läge das große Wasser 100 Kilometer weit entfernt, die innere Distanz könnte nicht größer sein.

In der OstermarschIn der OstermarschIn der Ostermarsch

Insofern ist der Deich nicht nur wasserbautechnisch eine veritable Verdrängungsleistung. Wer fragt, warum man sich die, nicht nur in Zeiten steigenden Meeresspiegels, letztlich prekäre Situation antut, darf sich einen längeren Vortrag über den »guten Kleiboden« anhören.

Am DeichAm Deich

Dass der Deich nicht die lieblichste aller Landschaften ist, wusste ich hingegen schon aus Konfirmandenfreizeitstagen. Küste, wie sie sich Hennes Klein vorstellt – Sand, Strand, Erfrischungsgetränke, nackige Weiber, heißer Sex in den Dünen Spiel, Spaß und Entspannung für die ganze Familie –, findet sich auf Norderney, Baltrum und Konsorten. Die ostfriesischen Inseln sind nicht der Küste vorgelagert, sie sind die Küste.

Nach Norderney

Es gibt nur wenige geographische und, so mein Eindruck, soziale Berührungspunkte zwischen der Welt der Marschbauern und jener der Küstenbewohner. Zu letzteren gehören auch die Fischer aus den Sielhäfen (jenen kleinen Orten, wo die Verteidigungslinie buchstäblich durchlässig ist, das aus dem unter Normalnull gelegenen Hinterland gepumpte Nass bei Niedrigwasser durch Deichtore ins Meer entlassen wird). Da ist es schon eine mittlere Sensation, wenn jetzt der Gattin Nichte in eine Greetsieler Krabbenfischerdynastie einheiratet.

Räumlich hingegen ist die Kluft zwischen den beiden Welten gar nicht mal so groß: Trete ich in klarer Nacht aus dem Karnhaus [1] in den Garten des schwiegerelterlichen Anwesens (um mal einen im Fränkischen beliebten Ausdruck zu bemühen), steht nicht nur der Sternenflimmer über mir – sondern alle 12 Sekunden blitzt auch der hochgeschossene Norderneyer Leuchtturm durchs Dunkel herüber. Luftlinie sind das nur ein paar menschenleere Kilometer. Im Alltag ist es allerdings extrem zeitaufwendig, die Distanz zu überwinden (so nicht gerade Frost herrscht). Es gilt eine Hürde wortwörtlich zu umschiffen – was leicht in einen Tagesausflug ausarten kann.

WattWatt und Norderney

Zwischen Seedeich und Inseln liegt nämlich eine Art Niemandsland, für das gilt: Betreten verboten. Selbiges ist bekannter unter der Bezeichnung »Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer« und seit neustem Weltnaturerbe. Wie darf man diese Entscheidung der UNESCO einschätzen, wenn nicht nur der Landesminister für Umwelt seine Begeisterung darüber kundtut, sondern sogar der für Wirtschaft? Und beide obendrein der FDP angehören? Wer die in der Regel wohlwollend aufgenommenen Begehrlichkeiten vor Ort mitbekommt (Marinas, Golfplätze, Kohlekraftwerke) und die Bagger der Energiekonzerne im Schlick wühlen sieht, möchte das für einen Coup der Tourismusförderung halten, eine Instrumentalisierung des World Heritage Committees.

Baustellenschild bei Hilgenriedersiel

In Nähe der erwähnten Häfen sind vor etlichen Jahren teilweise Sandstrände angespült worden, welche nordrheinwestfälische Sommerfrischler davon abhalten sollten, per Fähre auf die Inseln überzusetzen. Charmemäßig können die mit jedem Ruhrgebietsfreibad locker mithalten (und die meisten haben, um das Erlebnis zu vervollständigen, sogar ein Kassenhäuschen). Kein Wunder also, dass Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Jahren leichtes Spiel gehabt hat.

Bensersiel

Apropos Begehrlichkeiten: Ich bin ja auch nicht frei von der Sehnsucht nach dem Meer. Da macht es mich schon hibbelig, wenn der richtige Strand so nah und doch so fern ist. Aber unsereins ist ja nur in zweiter Linie zum Ferienmachen hier; angesichts allerlei gesellschaftlicher Pflichten bleibt für tagesfüllende Exkursionen keine Zeit, man will ja nicht als völlig antisozial erscheinen. So sitze ich manchmal im Garten der Schwiegereltern und halluziniere mir nach der siebten Tasse Tee (when in Rome …) eine schnelle feste Querung durchs Watt nach Norderney, minimalinvasiv, nur für Radfahrer und Fußgänger, einen schmalen Holzsteg auf Stelzen. Wenn ich was zu sagen hätte … Auch wenn eine Brücke dem Status als Welterbe abträglich ist: Verhindert würde sie wahrscheinlich nicht durch die hier eher schwach bis handzahm agierenden Naturschutzverbände, sondern von der örtlichen Monopolfährgesellschaft, die in der Stadt Norden als größter Arbeitgeber einigen politischen Einfluss hat.

Das Dolle ist: So eine Verbindung querwattein zwischen Marsch und Insel gab es einst tatsächlich, von Hilgenriedersiel aus, einer winzigen Ortschaft wenige Kilometer östlich von meiner Gartenwarte. »Fest« als Attribut dafür ist wohl übertrieben, »prekär« träfe es eher, auch wenn sie zumindest teilweise eine Grundlage aus Backsteinen hatte. Seit 1844 verkehrte darauf nach publikem Plan der Ponyexpress die Post des Kaisers und anderer Dienstherren, hundert Jahre lang, anfangs sogar mit Personenbeförderung. Weil dabei nicht nur die Hafermotoren der Kutschen absoffen, wenn der Weg mal wieder unter dem Wasserspiegel lag, wurde der Verkehr peu á peu auf die Schiffe besagten Fährunternehmens verlagert, und somit zehn Kilometer westwärts, nach Norddeich. Inzwischen ist Schlick über die Sache gewachsen, von der Schneckenpost ist nur noch die Schnecke übrig.

Naturstrand

Das Dorf Hilgenriedersiel ist schon seit langem nicht mehr Schnittstelle von Wasser und Land. Nach diversen Baumaßnahmen liegt die Handvoll Häuser etliche hundert Meter hinter der Deichlinie. Dafür hat es die neue Grenze zwischen den Landschaften in sich, und es sind nicht unbedingt die Schnecken, für die wir die Räder aus dem Stall holen (buchstäblich) und die 20 Minuten zum Nachbarort strampeln.

Vorm Deich dort befindet sich nämlich die einzige Stelle an der ostfriesischen Nordseeküste, die nicht mit Beton oder Sand zugekippt worden ist. Sondern es liegt dort eine weite, nicht vor Sturmfluten geschützte wilde Wiese: Ein Nichtsandstrand, der eine Ahnung davon aufkommen lässt, wie in Ostfriesland der Übergang von Land zu See vor vielen Jahrhunderten ausgesehen haben muss. Wasserkante im Wortsinne: Das Festland reißt plötzlich ab, eine Stufe im Gelände, Miniaturausgabe einer Canyonwand.

NaturstrandNaturstrandNaturstrand

Betreten ist hier offiziell erlaubt, nicht nur der Salzwiese, sondern auch des Wassers, beziehungsweise des Schlicks, wenn jenes gerade mal wieder nicht da ist. Eine legitime Badestelle ohne jegliche Infrastruktur, soll heißen: Keine Würstchenbude, kein Eisstand; weder Strandkörbe noch Pipilette; kein Bademeister, der wettert, dass der Ball zu verschwinden habe; und nur ein gutes Dutzend zudem weitabgelegene Parkplätze.

Und wenn ich mir die Nummernschilder der dort abgestellten Kutschen so ansehe: Die ganze Veranstaltung scheint nur bei wenigen eingeweihten Hardcore-Hinterlandsurlaubern bekannt zu sein, Kennzeichen aus dem Kreis Aurich und Ruhrgebietsgemeinden halten sich zahlenmäßig die Waage. Und bei den Einheimischen scheinen die Hundehalter zu dominieren, die hier ihre Töle Seeluft schnuppern lassen. Denn auch bei den Marschbewohnern dünkt mir das Fleckchen nur vage präsent; so mancher wird erst jüngst aus den dpa-Stories anlässlich der Erhebung in den Welterbe-Rang davon erfahren haben. Wir selbst sind auch nicht durch Hinweise aus gut informierten Familienkreisen hier angelandet, sondern weil ich als Ortsfremder orientierungshalber mal einen Blick in die Kartenwerke zur Region geworfen habe.

Ohne Skrupel also können wir hier das ungemähte, struppige Gras rascheln hören, die Seevögel schreien. Wir wissen ihre Namen ebenso wenig wie der derben Blumen, die hier blühen. Das Watt knistert, die Krebse huschen über den Schlick, die See gluckert und rauscht. Wind zerzaust die Haare (sofern noch vorhanden), lässt die Jacken knattern und die Ohrmuscheln dröhnen. An stilleren Tagen breiten wir die Picknickdecke aus (nachdem das Gras auf Tretminen hin inspiziert wurde), lassen uns die Sonne auf die weißen Bauch prasseln, schlagen nach den Summern und Brummern, grüßen das unbekannte Frauchen des (verbotenerweis) frei herumstöbernden Hundes mit einem strammen »Moin!« und finsterem Blick. Wenn die Sonne sinkt, ihr Licht uns auf dem grauspiegelnden Watt blendet, räumen wir unseren Kram in die Beutel zurück und entfernen uns spurlos vom Strand. Führt die flache Rinne draußen genügend Wasser, schiebt sich noch die »Frisia III« weißleuchtend durchs Geflimmer, vom hell ausgeleuchteten backsteinroten Baltrumer Westdorf vor der zum Greifen nahen Kulisse Norderneys, Richtung Norddeich, dem Ende des Tages entgegen.

Am Naturstrand

Der Hilgenriedersieler Naturstrand ist vielleicht nicht the real thing, und ganz sicher keine Wellness-Location. Und auch wenn der freie Blick auf die hohe See samt ihrer gen Hamburg strebenden Containerkähne durch die Insel verstellt ist, man sich eigentlich eher am Ufer eines breiten Flusses wähnt – nirgendwo sonst an der fast 150 Kilometer langen Deichlinie zwischen Emden und Wilhelmshaven kann man der Nordsee so nah sein, ohne dass das Auge unterm Beton leiden muss.

Dabei, so meine durch nichts belegte Vermutung, wird dieser Küstenabschnitt in erster Linie freigegeben worden sein, um jene Einheimischen (alteingesessenen, zurückgekehrten, neu zugewanderten) hierhin zu kanalisieren, die ansonsten aus vermeintlichen anrainermäßigen Großvaterrechten wild ins Wasser steigen würden, wo es ihnen gerade am Deich passt. Bei aller Wasserfeindlichkeit will nämlich selbst der Marschbewohner im Sommer zuweilen Abkühlung in den Fluten suchen.

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Zu besonderen Anlässen allerdings nimmt man die Verstimmung der Familie schon mal in Kauf. Dann schwingen auch wir uns auf die Fähre, lassen das Festland zurück und lustwandeln am richtigen Strand entlang.

Am Strand von Norderney

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[1] Das Wort jetzt bitte nicht in der Wikipedia nachschlagen. In Ostfriesland wird damit jener Teil des Bauernhauses bezeichnet, in dem früher gebuttert (= gekarnt) wurde.

Ostfriesische Vornamen

Den Pfingstsonntag verbringen wir zu unserer eigenen Überraschung bei Butterkuchen, Tee mit Kluntje und Wulkje, Spargel und Gegrilltem mit anderen Butenostfriesen. Över dit Klottje mutt ik ook mol wel ens wat schrieven. (»Das war Ostfriesisches Platt«, wie es bei der Sendung mit der Maus heißen würde.) Der obligatorische Ausflug mit dem Rad muss daher bis Montag warten.

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Er fällt dann etwas kleiner aus: Die Gattin ist nicht so richtig auf dem Damm, alle Überredungskunst fruchtet nicht, ich muss alleine losfahren. Das hat zumindest den Vorteil, dass ich ungehindert in den Ecken schnüsen und mit der Knipse wedeln kann.

Neumeyerstraße

Hinterm Nordostbahnhof durchquere ich erst mal ein größeres Gewerbegebiet der Marke »lebt nicht und stirbt nicht«. Ein Porschehändler, energieoptimierte Neubauten, metallverarbeitende Kleinbetriebe, ein der Wiedereröffnung harrendes Möbelhaus, IT-Klitschen, evangelische Einrichtungen – die ganz Palette.

NeumeyerstraßeNeumeyerstraße

Als wär’s damit noch nicht genug, schließt sich unmittelbar dahinter etwas an, das sich großspurig »Nordostpark« nennt: Noch ein Gewerbegebiet, lauter Neubauten, aber mehr für die Powerpoint-Fraktion im Boss-Anzug. Atmosphärisch eine Mischung aus Kasernengelände und privater Fachhochschule. Da müssen sich die Praktis und Junior-Account-Manager beim Einstieg in den Job nicht groß umgewöhnen.

Nordostpark

In der Mitte ein super See, in den eine Pumpe ihren Strahl pullert. Coffeebar-Terrasse, zwei Beach-Zonen und Bootsanlegesteg. Eine Meisterleistung der GaLaBauer – wenn man bedenkt, dass die Pfütze keine zehn Meter Durchmesser hat. Reichlich Freiraum für die persönliche Entwicklung also.

Nordostpark

Ich muss ständig anhalten, um beim Schenkelklopfen nicht vom Rad zu fallen. Mit den Firmenweisern scheint es sich mir wie bei Plakaten in der U-Bahn zu verhalten: Auch wenn ihre Zeit längst abgelaufen ist, bleiben sie so lange hängen, bis sich ein neuer Mieter für die Fläche findet.

Nordostpark

Das Terrain ist wie alle Gewerbegebiete am Wochenende eine Geisterstadt, da hilft auch die geöffnete Kaffebude nix. Für ein bisschen Leben sorgen einzig ein paar Radfahrer und Reiter, die hier die vielbefahrene benachbarte Bundesstraße meiden können. Hinter dem »Nordostpark« ist nämlich der bebaute Teil Nürnbergs zu Ende, danach kommt nur noch Ausflugsgebiet: der Sebalder Reichswald.

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Na gut, was sich so Wald nennt. Ist eher eine Baumfabrik. Wege wie mit einem Riesenbagger rausgekratzt aus dem Forst, schnurgerade, kilometerlang. Kein Unterholz dämmt das Rauschen der nahen A3. Nach zwei Minuten könnte ich nicht mehr sagen, ob ich 100 oder 5000 Meter tief im Wald stecke. Das Gelände bieten keine Orientierungshilfe, Seitenwege sind die einzigen Anhaltspunkte. Ich zähle mit und hoffe, dass die Kartographen keinen vergessen haben. Zweimal falsch abbiegen und man ist Hänsel & Gretel in einem.

Sebalder Reichswald

In der einförmigen Waldmasse steht statt Hexenhaus allerdings eine Erklärtafel, dahinter eine Lichtung samt kiefernbekröntem Sandhügel. Keine unerwartete Entdeckung – diesmal wusste ich so ungefähr, was mich erwartet, ich hatte die Stelle gezielt als Wendemarke meiner Tour auserkoren.

Binnendüne Erlenstegen

Das Rad abgeschlossen und nach ein paar Schritten stehe ich auf einer Binnendüne. Dergleichen mehr oder minder große Sandflächen gibt es entlang der Pegnitz/Rednitz/Regnitz etliche. Diese hier ist geschätzt 50 Meter breit und 150 lang. Kein künstlich angelegter Strand, um dort Caipis zu nuckeln, sondern ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit (wenngleich der Ursprünglichkeit heute vom Menschen nachgeholfen wird). Zu solch rötlichem Sand wird der Wind in 1000 Jahren auch Nürnberg wieder zerschmirgelt haben. Ringsum und mittendrauf wachsen ein paar Kiefern. Viel los ist nicht: Ein Radfahrer, der mich bereits im Nordostpark überholt hat, pirscht mit einer dicken Spiegelreflex durchs Gelände; eine junge Dame liegt auf ausgebreiteter Decke bäuchlings in der Sonne und arbeitet an ihrer persönlichen Entwicklung, sprich: sie liest. Ich komm mir mit meiner kleinen Knipse mal wieder reichlich albern vor, beziehungsweise wie ein Spanner.

Binnendüne Erlenstegen

Und während mir der Sand in die Bootsschuhe schwappt, denke ich Franken weg und genieße den norddeutschen Augenblick. Die Stelle hier könnte nämlich auch in der Lüneburger Heide liegen. Wenn bloß mal jemand diese elende Autobahn abschalten würde.

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Zwei Kreuzungen weiter die nächste Kuriositäteninsel im Wald: Das Nürnberger Tierheim mit angeschlossenem Tierfriedhof.

Tierheim Nürnberg

Letzteren zu besichtigen hebe ich mir aus Zeitgründen für ein andermal auf. Ziemlich viel Betrieb ist hier. Dicke dunkle Autos wenden ungelenk auf meinem Weg, große Hunde schnüffeln hektisch Freiheit, trotz Leine unberechenbar. Nüscht wie weg hier.

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Fünf Pedalminuten später dann noch eine Merkwürdigkeit, mitten in den Wald geplumpst. Und diesmal tatsächlich eine Überraschung, eine skurrile obendrein. Zuerst halte ich sie für ein gewöhnliches Ausflugslokal, aber bei näherer Betrachtung handelt es sich um eine dieser Nürnberger Brauchtumsspezialitäten, die dem Zuwanderer ewig unergründlich bleiben: Hier steht ein Schießhaus, so eine Art Vereinsheim mit Spielplatz eines örtlichen Schützenvereins. Und zwar hat man sich einen rechten Trumm gegönnt, im vollsten Jugendstil, mit allem Schnick und Schnack.

Schießhaus

Ihre besten Zeiten hat die Anlage indes hinter sich, alles etwas vermoost, vom Zahn der Zeit angenagt bröckelt der Zement. Trotz schönstem Wetter ist der obligatorische Biergarten menschenleer. Wer hier noch unterwegs ist, befindet sich auf dem Rückweg von der benachbarten Minigolfanlage.

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Auch der Eisenbahnarchäologe in mir kommt 500 Meter weiter noch auf seine Kosten – was es nicht alles gibt in diesem Wald: Eine etwas angeschlagene Brücke in völlig schmuckloser Betonbauweise, aus den späten 1930ern, über einen zugewucherten Einschnitt, in dem längst das Gleis fehlt, das einmal den Nordostbahnhof mit der Bahnstrecke Nürnberg – Cheb verband.

Brücke über stillgelegte Güterstrecke

Allmählich erreiche ich wieder besiedeltes Gebiet, Villenterrain im Geschmack der 30er und 60er. Dann geht es steil bergab, am trotz der Sonne spärlich besuchten »Freibad Naturgarten« vorbei, ich bremse mich nach Erlenstegen hinunter.

Eine Viertelstunde später bin ich wieder zuhause, fast zwei Stunden war ich am Ende unterwegs. Die Hälfte der Zeit ist allerdings fürs Fotografieren draufgegangen; und während die Abendmahlzeit auf dem Herd steht, präsentiere ich der Gattin die Ausbeute.

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Nach dem Essen verkabeln wir das Laptop mit der Stereoanlage und führen uns, dem Motto dieser Veranstaltung entsprechend, mit nur vier Jahren Verspätung Match Point von und ohne Woody Allen zu Gemüte (obligatorische Verneigung vor der Stadtbibliothek). Schon bald sind wir uns einig, dass wir das besser gelassen hätten. Die ersten drei Viertel des Films, immerhin anderthalb Stunden, sind völlig berechenbar, mit belanglosem Geplapper mäßig überzeugend gezeichneter Figuren gefüllt. Richtig unterirdisch ist allerdings die deutsche Synchronisation. Über das ewige Präteritum in den Dialogen könnte man vielleicht noch hinweghören. Nicht aber darüber, dass die Sprecher hölzern ihren Text ablesen, ohne jegliches Gefühl für Sprachmelodie, mit falschen Pausen und Betonungen. Mehr als einmal muss ich an das Geplapper eingedeutschter Homeshoppingsendungen denken. Immerhin ist die Musik mal nicht von Hans Zimmer.

Der vorgezogene Sommer geht weiter, und mit der Maienzeit hebt die verschärfte Veranstaltungssaison in dieser selbst winters an Freiluftterminen nicht armen Stadt an. Entsprechend voll ist unser Tagesprogramm. Wir schwingen uns auf die Rösser, wiewohl uns die Keulen noch von der gestrigen Tour nach Erlangen schmerzen (die fällt hier aus, da ich es mir versagt habe, unterwegs die Knipse in die Landschaft zu halten, und so nicht für Bebilderung sorgen kann).

TOP 1 ist der Flohmarkt, welcher auf dem ehemaligen Bahnpostgelände beim Hauptbahnhof ausgerichtet wird. »NEU NEU NEU Der Neue Megamarkt im Zentrum Nürnbergs« trompetet es von der Website des Veranstalters (demselben, der einst die inzwischen hingeschiedene Trödelei am Nordostbahnhof verantwortete). Wir brauchen zwei Anläufe, um die Zufahrt zur postapokalyptische Eisenbahnwüstenei zu finden. Der Trödel entspricht der Trostlosigkeit des Terrains, mit rapide schwindendem Interesse stolpern wir an den Ständen entlang.

postapokalyptischer Flohmarkt

Der Gipfel der Unverfrorenheit dürfte die verwarzte Koffernähmaschine sein, auf der noch das frische Preisschild vom Gebrauchtwarenmarkt des Bayrischen Roten Kreuzes pappt. Um nicht mit völlig leeren Händen von dannen zu ziehen (wenn man mal von den Betonbrachen-Eindrücken absieht), nehmen wir für dreifuffzig – von der Gattin mit einer für sie eher untypischen norddeutsch-drögen Nonchalance um 50 Cent runtergehandelt – einen unbenutzten 6er-Satz Mokkatässchen samt Tellerchen mit. Die stammen zweifelsohne aus dem Weiterreich, jener Zwischenwelt des Warenkreislaufs, wo sinnlos verteilte Geschenke unerlöst von einem unwilligen Besitzer zum nächsten wandern, ohne je Liebe zu finden. Bis sich Gestalten wie unsereins ihrer erbarmen.

Nach einer Dreiviertelstunde in praller Sonne beginnt meine Pläte zu glühen, Zeit für den nächsten TOP. Der deutet sich in der Ferne schon an, als wir unsere Räder aufschließen:

nahender Oldtimer

Nach zehn Minuten Fahrt sind wir am Ziel: Am ersten Wochenende eines jeden Monats hat das »Historische Straßenbahndepot St. Peter« seine Tore geöffnet. Dort präsentieren die »Freunde der Nürnberg-Fürther Straßenbahn e.V.« ihre Sammlung; oder zumindest einen Teil davon, denn nicht alles hat in dem ehemaligen Betriebshof Platz. Vor allem die jüngeren Fahrzeuge stehen an mehr oder minder geheimer Stelle »versteckt« – natürlich um sie vor Vandalen und Souvenirjägern zu schützen (welche nicht niet- und nagelfeste Teile bei ebay oder auf Flohmärkten verkaufen würden), aber auch, wie uns ein Aktiver Marke »alter Hase« ebenso begeistert-auskunftfreudig wie verschmitzt erzählt, weil »der Chef nicht unbedingt wissen muss, was wir alles haben«. Da der Verein eng mit dem örtlichen Verkehrsunternehmen zusammenarbeitet und sich aus seinen Beständen und Ressourcen speist bzw. bedient, viele Aktive anscheinend auch Mitarbeiter jenes Betriebs sind, denken wir uns amüsiert unseren Teil. (Bei der Nachbereitung lese ich gerade, dass sich die Fahrzeuge sogar noch samt und sonders im Eigentum der VAG befinden und durch den Verein lediglich betreut werden.) Jedenfalls erzählt der Mann mit offensichtlichem Vaterstolz, dass sie von jeder Baureihe, die einst übers Nürnberger Schienennetz gequietscht ist, mindestens ein Exemplar hüten, und das zumeist in betriebsfähigem Zustand.

Straßenbahnmuseum (Bahnen)

Billet gelöst (zwo Euro pro Nase), und dann schnüren wir zwischen den Exponaten umher. Freuen uns über das viele Holz in den Wagen, die geschmiedeten Details, echauffieren uns einmal mehr über die Geschmacksverwahrlosung im heutigen Fahrzeugbau. Andererseits muss man in den kleinen, schweren, engen Kisten erbärmlich durchgeschüttelt worden sein, bei auch nicht immer optimaler Gleislage. Ein Jungspund zerrt per Handbeweger eine Palette mit Gleisfragmenten unter dem Sprengwagen (zur Beregnung der ungepflasterten Straßen) hervor und gibt einen kurzen Abriss zur Geschichte des Gleisbaus. Interessant, dass zu Pferdebahnzeiten zwei Vignolschienen nebeneinander verschraubt und im Straßenplanum eingelassen wurden, Vorläufer und Vorwegnahme der heute gebräuchlichen Rillenschienen.

Doch nicht nur große Gefährte werden gezeigt, sondern auch allerlei Paraphernalia und Ephemera des Straßenbahnbetriebs. Fotos aus allen Epochen. Erschütternd die Bilder von den in nach Kriegsende provisorisch in die Bürgersteige gesteckten Holzmasten für die Fahrleitungen – Häuserfronten, an denen man die Strippen hätte befestigen können, gab es nicht mehr. Dazu erzählt eine Zeitzeugin vom Band aus jenen Jahren, leider verstehen wir von ihrem Fränkisch kein Wort …

Straßenbahnmuseum (Krams)

Dienstbekleidung, die sich über 100 Jahre von quasimilitärischer Uniform zu bürgerlicherer Tracht entwickelt, Spiegel der (bei allen Rückschlägen) Zivilisierung unserer Gesellschaft seit dem Kaiserreich (dass die DB-Lokführer inzwischen wieder in Joppen mit Schulterklappen herumlaufen müssen, scheint mir symptomatisch für unsere reaktionären Zeiten und lässt nichts gutes ahnen).

Dazwischen mancherlei lustiger Kleinkrempel, für die Kurzen Taster, die zum Beispiel eine Bohrmaschine aus prä-CNC-Zeiten per Transmissionsriemen in Bewegung setzen. Kopfschüttelnd konstatieren wir, wie schon in den 30ern jedes freie Fleckchen auf den Fahrausweisen mit Werbung zugeklatscht wurde: etwa die Schülermonatskarte mit Reklame für einen auf Schulbücher spezialisierten Sortimenter.

Straßenbahnmuseum (Fahrkarten)

Man merkt dem Museum jedenfalls den Enthusiasmus der Beteiligten an. Hier spielen nicht nur technikverliebte Kinder im Mannesalter Eisenbahn im Maßstab 1:1 (oder 1:87 beziehungsweise 1:22,5, denn zwei Modellbahnanlagen hat man sich auch gebastelt) – dafür ist die Sammlung zu fokussiert, keine nicht zu bewältigende, etwas beliebige Anhäufung großer Geräte, wie etwa bei der Bergischen Museumsbahn –, hier wird die Nürnberger Straßenbahn dargestellt, in vielen Facetten, eingebettet in den lokalhistorischen Zusammenhang. Das Depot St. Peter ist nicht nur Technik-, sodern auch Geschichtsmuseum. Hoffentlich behalten jene VAGler, die mit der Werbewirkung der Ausstellung argumentieren, auch künftig Oberhand über die Pfennigfuchser.

Nach einer Stunde sind wir satt. Die Gattin wäre einer Runde um die Altstadt in historischem Gefährt nicht abgeneigt, denn jeweils 5 Minuten zur vollen Stunde wird ein Gespann aus der Sammlung auf den Parcours gebracht. Da die Strecke selbst nichts Neues hergibt und wir schon öfters in solchen antiken Gefährten mitgefahren sind (drolligerweise mehrheitlich bei Einsätzen im Planbetrieb), wiegele ich ab, das heben wir uns für später auf, dafür steht heute noch zu viel auf dem Programm.

Wir ketten unsere Räder los und fahren im Zickzack durch uns unbekannte Seitenstraßen der Südstadt, Glockenhof heißt das Viertel wohl, müsste man mal in Ruhe per pedes erkunden. Das Maifest auf dem Aufseßplatz lassen wir aus, liegt zwar fast am Weg, besteht aber wahrscheinlich doch nur aus Bratwurstbuden. Vorurteile sind die Hypothesen des kleinen Mannes.

Also direkt zum Hauptmarkt hinunter, wo heute Töpfermarkt ist. Die geschätzt zwei Dutzend Stände stehen dicht gedrängt, zusammengekauert um den Schönen Brunnen herum, 80% des Platzes sind leer, die Veranstaltung wirkt auf der trostlosen Fläche winzig und verloren. Wegen der wenig intelligenten Platzausnutzung ist kaum Raum zwischen den Tischen und Kisten, man tritt sich in die Hacken und rempelt sich an, mal mit, mal ohne Entschuldigung.

Töpfermarkt

Das Angebot wird zwar ausschließlich von Töpfern aus der Region bestritten, es gibt keine fliegenden Händler mit chinesischer Importware, man könnte also guten Gewissens kaufen – aber unser Geschmack ist die dunkelbunte Tonkeramik durchweg nicht. Wir ätzen, dass vieles, was hier erstanden wird, als Geschenk enden, d.h. im Weiterreich landen wird. Ich könnte mich ja zu einer Okarina hinreißen lassen; die entsprechende Bekundung meinerseits wird von der Gattin allerdings mit demonstrativem Desinteresse quittiert. Nunja, Blasinstrumente sind sowieso nicht meine Stärke.

Wir würden jetzt gerne einen Espresso zu uns nehmen. Zwei Anläufe werden von bräsigen studentischen Kellnerdarstellerinnen vereitelt. Wir legen damit für uns die innerstädtische Gastronmie endgültig ad acta. Zustände wie in der Düsseldorfer Altstadt hat’s hier. Zieht doch Touristen und Speckgürtelschnösel über eure Bistrotische, uns seht ihr jedenfalls nicht mehr wieder.

Im schönsten Brass fahren wir stattdessen heimwärts und weihen auf dem sonnenüberströmten Balkon in aller Ruhe die neuen Tässchen ein.

Drei Tagesordnungspunkte haben wir erledigt, jetzt steht noch der Tag der offenen Gewächshaustür im Knoblauchsland an. Gemüsebauern erzählen Schwänke aus ihrem Leben oder führen stolz ihre innovativen Beregnungssysteme vor. Dazu ‘ne leckere Bratwurst, für Ihr leibliches Wohl ist gesorgt. So die Richtung. Ich stelle mir das ganz interessant und lehrreich vor. Aber dafür noch mal eine Stunde durch die pralle Sonne radeln? So lehrreich ist es bestimmt auch wieder nicht. Also bleiben wir auf dem Balkon sitzen und stecken die Nase ins Buch.

Während das Abendessen im Backofen schmurgelt, nehme ich mir den Bastelbogen aus dem Hause VAG vor, der zwischen anderem gedruckten Werbematerial im Museum auslag. (Ich kenne keine Stadt, in der so viel Faltblätter, Leporellos und Broschüren produziert werden wie in Nürnberg.) Ein halbe Stunde Schnippeln, Falzen, Kleben – dann ist der GT6N fertig. Gibt einen 1a Staubfänger auf dem eingemotteten Kachelofen ab. Aber für kurze Zeit fühle ich noch mal wie der siebenjährige Junge, der den Zeppelin und die anderen Luftgefährte aus den Wicküler-Pils-Kästen zusammenleimt. Damals allerdings noch mit mütterlicher Unterstützung. Jetzt weiß ich endlich, was männliches Erwachsensein ausmacht: Bastelbögen allein kleben müssen.

Pappkamerad

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