Ein Jahr lang ist er mir treuer Begleiter gewesen und sieht inzwischen ein wenig, ahem, mitgenommen aus: der Fahrradstadtplan.
Genau der richtige Zeitpunkt also, ihn auf den Rand zu stellen.
Ich habe ja viel mit Nürnberg gehadert, aber dieses Mammutblatt aus städtischer Eigenzüchtung verrät einem tatsächlich erschöpfend, wie man die Feindberührung minimieren kann. Insofern waren das vier gut angelegte Euros. Per Velozipedes kommt man hier sowieso am schnellsten voran. Das liegt zum einen daran, dass die Stadt ziemlich kompakt gebaut ist, auf pfannkuchenplattem Gelände. Zum zweiten gibt es an den Hauptverkehrsadern fast durchweg Radstreifen. (Alles völlig neue Erfahrungen, wenn man aus einer zerfransten, bergigen Stadt kommt, in der man das Rad eigentlich nur als Sportgerät benutzen kann und ansonsten viel Zeit damit verbringt, auf den Bus zu warten.) Und last not least hat sich das zuständige Amt bei der Freigabe von Einbahnstraßen in Wohngebieten nicht lumpen lassen. Verhältnisse, wie ich sie vor zehn Jahren noch nur aus den Niederlanden kannte, neidisch die “uitgezonderd-fietsen”-Zusatzschilder bestaunend:

Insofern wundert es mich, dass hier nicht mehr Leute auf ihr heiliges Blechle verzichten. Aber vielleicht sind die Besitzer all der Kisten, welche die Bürgersteige verstellen, ja just mit dem Radl unterwegs, biergartenwärts.

Gerechterweise sei gesagt, dass die oben abgebildeten Gefährte insgesamt vorschriftsmäßig geparkt sind – die Stadt hat dazu wieder ein ganzes Bestiarium von Schildern in die freie Wildbahn entlassen:

Gut, man muss vielleicht nicht den Bordstein als Anschlagkante für die Vorderreifen benutzen, wenn die Schnauze einen Meter in den Gehweg ragt, hinter der Fott aber noch dieselbe Spanne Platz ist. Aber insgesamt manifestiert sich da das Problem, dass in den letzten Jahren der Parkraum nicht im selben Maß gewachsen ist wie die Produkte der Autoindustrie. Und damit meine ich nicht mal die Menge der zugelassenen Fahrzeuge, sondern das schiere Volumen der einzelnen Gefährte. Und durch die Abwrackprämie hat sich die Situation im letzten halben Jahr nochmal deutlich verschärft. Die Freude des jungen Mannes, endlich die parkenden Wagen zu überragen und den Blick schweifen lassen zu können, hat nur kurz gewährt. Inzwischen bewege ich mich zu Fuß wieder in – enger gewordenen – Schluchten mit Wänden aus Blech und Stein. Allein das ein Grund, aufs Rad zu steigen. Letztlich muss sich die Stadt, hader hader, allerdings etwas anderes als obige Verlegenheitslösungen einfallen lassen, um nicht unter den Automassen zu ersticken. Alle drei Jahre zwei U-Bahnstationen zu eröffnen reicht eher nicht aus.
Eigentlich wollte ich aber ganz was anderes erzählen: Nämlich dass mir drolligerweise wirklich jedes Mal, wenn ich coram publico den Fahrradstadtplan gezückt habe, um die weitere Route zu eruieren, wildfremde, zufällig passierende Pedaleros abrupt bremsend ihren Beistand angetragen haben. Auf Hochdeutsch oder im mumpfigsten Dialekt, LKW-Planen-Taschenträger mit rosa Hemden ebenso wie verknitterte Mütterchen mit Bäuerinnenkopftuch. Dutzende Male ist mir so geschehen. Wo dem Franken als solchem doch der Ruf anhängt, ausgesprochen stieselig zu sein. Diese spontane Zutraulichkeit ist auch und gerade in ihrer Zuverlässigkeit ein mittleres Mirakel, das mich ebenso verstört wie positiv überrascht. Um auch mal was Nettes über Nürnberg zu sagen.