26. 06. 2008
Abschiede (4)
»Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergesslichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr fähig.«
(Adorno: Minima Moralia)
Ich bin nicht der erste, der das Zitat abtippt, aber es lief mir bei der Lektüre gerade passend über den Weg. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es um das Schenken einst wirklich besser bestellt war. Der Definition des »wirklichen Schenkens« pflichte ich jedoch gerne bei. Und ich schätze mich glücklich, Freunde zu haben, für die das Schenken noch nicht auf eine soziale Funktion heruntergekommen ist, die dazu fähig sind, beim Wählen Zeit aufzuwenden und Umwege auf sich zu nehmen. Die mir zum Wiegenfeste ganz selbstlos eine Stromgitarre hingestellt haben, meine erste funktionstüchtige seit mehr als einen Jahrzehnt.
So viel Aufmerksamkeit und Empathie machen mich ja immer ganz verlegen und sprachlos. Daher also nochmal: Dank euch allen. Euch werde ich vermissen.
25. 06. 2008
Chronisches IV
2008: The year that »Schönentachnoch!« broke. Vor kurzem noch eine Floskel allein der Schnorrer in den Fußgängerzonen, jetzt im Mainstream angekommen.
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Matratzengeschäfte sind meiner unmaßgeblichen Meinung nach irgendwo zwischen Orientteppich- und Gitarrenhändlern anzusiedeln.
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Was man auf den Schnellfahrstrecken der Bahn an Zeit gewinnt, wird man beim immer umständlicheren Fahrkartenerwerb locker wieder quitt. Schon weil einem die Verkäufer immer mehr andrehen sollen. »Einzeln oder als Menü?« Reiseversicherungen. Demnächst vielleicht noch Lottoscheine, wie bei der Post. Oder Kaffeemaschinen, Handyverträge oder Damenunterwäsche. Die Privatisierung wird da noch für Überraschungen gut sein. Und für diesen Service wird man bald auch noch einen Aufschlag bezahlen müssen.
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Ich hätte da noch ein paar Vorschläge zur Erlösoptimierung für dich, Deutsche Bahn:
- »Dieser ICE wird ihnen präsentiert von Gazprom.« (Variante für den Nahverkehr: »Dieser LokschadenDiese Verzögerung im Betriebsablauf wird ihnen präsentiert von Recycling Bender.«).
- Energiezuschlag, wie bei Fliegers. Überhaupt: Den Fahrpreis noch weiter zerlegen. Zum Beispiel per Zugangsstellennutzungsgebühr, natürlich nicht pauschal, sondern an den Stationspreislisten orientiert.
- Die gute alte Platzreservierung begleitet von massivem Marketinggeschwurbel in SeatGarantie umbenennen und den Preis dafür verdreifachen. Bei unveränderter oder leicht verringerter Leistung.
- Auch im Fernverkehr lassen sich die Zugbegleiter bestimmt wegrationalisieren. Stattdessen am Bahnsteig oder in den Einstiegsbereichen der Waggons Self-Check-in-Terminals aufstellen. Die entsprechenden Geräte könntest du dir bestimmt vom BMFT bezahlen lassen, weil wegen total innovativem Pilotprojekt (Exportchancen! Siemens liefert sowas bestimmt gerne, d.h. sie werden es versuchen).
Da geht bestimmt noch einiges. Mehr Phantasie, bitte!
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Apropos Einwohnermeldeämter: Wie kann man bitteschön so eine Software mit einem Standardpasswort ausliefern (und das dann noch veröffentlichen!), und darauf setzen, dass der Kunde die Zugangsdaten schon verändern wird, nur weil das so in der Gebrauchsanweisung steht? Seit wann werden Handbücher auch gelesen? Das muss man als Softwarehaus doch wissen. Soviel zum Thema »Private können es besser«.
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Dass die Forderung nach einem neuen Klassenwahlrecht (genauer: Zensuswahlrecht) so schnell kommt, also nicht nur hinter der Hand, hätte ich dann doch nicht gedacht. Aber bei diesen JU-Typen wundert mich sowieso nix.
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Was mir auch auf die Nerven geht: Die Selbstbezichtigungen von 68er-Renegaten.
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Wenn jetzt selbst mein Mütterlein gemerkt hat, dass Tapeten wieder wie in den 70ern aussehen, bin ich sehr zuversichtlich, dass der Spuk noch binnen Jahresfrist vorbei ist. Gleiches gilt für diese LED-Gartenleuchten.
24. 06. 2008
Abschiede (3)
Mit Sehenswürdigkeiten ist Wuppertal nicht eben reich gesegnet. Wer noch eine zweite nach der einen – immerhin weltberühmten! – benennen soll, gerät in Verlegenheit. (Und selbst diese eine löst bei manchen Ortsansässigen Unmut und Scham aus, weil sie in erster Linie den Blick in wenig präsentable Hinterhöfe eröffnet und keine Rundfahrt vorbei an den mutmaßlichen Schokoladenseiten der Stadt abwirft. Immerhin setzen die höheren Mächte im Rathaus inzwischen alles daran, die Geschichte der Stadt zu entsorgen, indem sie das Flussufer durchgehend zum Siedlungsgebiet für Discounter, Baumärkte, Klopsbrater und Altenheime umwandeln. Bald wird die Talachse endgültig so aussehen wie in anderen Städten die Ausfallstraße zur Autobahn.)
Egal. Sehenswürdigkeiten sind sowieso überschätzt. Als Ureinwohner setzt man von jeher auf die Auswärtigen schwer vermittelbaren Kleinmeister der urbanen Idyllik. Und in diesem Genre hat Wuppertal so manches zu bieten. Zum Beispiel einige der bemerkenswertesten städtischen Parks der Republik, als da wären die Barmer Anlagen und der Vorwerk-Park. Oder der ganz entzückende Botanische
Garten auf der Hardt.
Da sich die oben genannten Akteure seit 2006 alle Mühe geben, dieses Kleinod in eine Eventhölle umzuwandeln, fiel uns der von Alleinunterhalterorgelklängen und Luftballonhundeknotermonologen begleitete Abschied nicht ganz so schwer.
22. 06. 2008
Abschiede (2)
Ich hege keine heiße Liebesbeziehung zu Wuppertal. Die Stadt ist eher eine Gewohnheit. Ihr größter Vorzug dünkt mir die Lage an den Nahtstellen mehrerer kultureller und geographischer Stücke des deutschen Flickenteppichs.
Anders gesagt: man kommt prima von hier weg. Setzt sich in eine Regionalbahn und ist binnen einer Stunde im niederrheinischen Flachland, bei Kopfweiden, Deichen und Heidegebieten; oder in den dunklen Wäldern des Sauerlands, auf dessen schneereichen Bergen; in den Städten des einstmaligen Kohlereviers; im Kölner Trubel; bei westfälischen Äckern und Wasserburgen. Weite und Enge liegen hier dicht beieinander, Flachland und Mittelgebirge, Backstein, Lehm, Grauwacke, Fachwerk weiß und braun, Stahl und Beton. Der große Fluss und kleine Bäche. Ackerland, Parks und Industrie; Gehöfte und Katen, Fabriken aller Größenordnungen, Trutzburgen und zierliche Jagdschlösser; Feudalismus, Bauernstand und Bourgeoisie. Bodenständigkeit und Schnöseltum, Ureinwohner und Immigranten. Knarziges Plattdeutsch, rheinischer Singsang. Für Abwechslung, die Würze des Lebens, ist also reichlich gesorgt; man sitzt am Rand und doch mittendrin. Wenn man das eine nicht mehr aushält, flieht man zum anderen.
Montag habe ich nun dem Strom Adieu gesagt, und auch dem Park, in dem die Gattin und ich sich einst fanden. Beide werden ohne uns zurechtkommen. Ob das auch umgekehrt gilt, wird man sehen.
18. 06. 2008
Abschiede (1)
09. 06. 2008
Aus dem Kochlabor: Folge 10
(Zum Anlass dieser kleinen Serie.)
Auch nach 4 Monaten will mir die vorausschauende Einkauferei für eine Person noch nicht wieder gelingen. Das Auge ist beim Einkauf größer als der Hunger oder die spätere Kochlust. Der Kühlschrank läuft auf vollen Touren, aber ein halber Mozzarella im Tupperdöschen ist nach einer Woche trotzdem schlecht.
Sei’s drum. Es gibt einiges nachzutragen.
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Die Gattin wollte unbedingt mal wieder Spaghetti mit Suçuk, Oliven, Pinienkernen und Petersilie essen (was so ähnlich aussieht wie Nr. 2 in Folge 4). Da in der Packung nun mal sechs von diesen Würsten sind, musste ich für vier Stück andere Verwendungsmöglichkeiten finden.
Ein primitives, aber wohlschmeckendes Rezept, dass ich mal einem griechischen Restaurant abgeguckt habe (in der griechischen Küche kennt man diese Knoblaucheumel auch, dort heißen sie bloß Suzukaki): Wurst in dicke Scheiben geschnitten, in beschichteter Pfanne ohne Öl angebraten, mit Tomatenpüree abgelöscht und eine Weile auf kleiner Flamme schmurgeln gelassen. Weitere Würzerei ist nicht nötig. Dazu Bulgur. Hinterher länger am Herd herumgewischt. Das Foto könnte etwas weniger eklig sein.
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Und da immer noch eine Wurst übrig war: diese halbiert und in Scheiben geschnitten, in wenig Olivenöl angebraten; ein Stück von einer roten Paprika gewürfelt und mitgebrutzelt; Petersilie grob gehackt und ebenfalls in die Pfanne gegeben. Zum Schluss zwei Eier drüber geschlagen, ein bisschen gemahlenen Pfeffer drüber verteilt und dann energisch in der Pfanne gerührt, bis das Ei komplett gestockt ist. Die Masse anschließend in ein aufgebackenes kleines Fladenbrot gefüllt. Gerne wieder.
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Apropos kleines Fladenbrot: Damit lässt sich auch ein sssuper Hamburger in Übergröße anrichten. Im konkreten Anwendungsfall habe ich von unten nach oben Senf, eine Scheibe Käse, Frühstücksspeck, Zwiebeln und »Mexikanische Pfefferonen scharf grün« von Feinkost Dittmann (im Schraubdeckelglas eingelegt, Jalapeños für Dummies, halten sich aber ewig im Kühlschrank), Ketchup und Mayo eingebracht. Und natürlich ein halbes Pfund Rinderhack, das ich mit Pfeffer und salziger Sojasoße gewürzt und in der beschichteten Pfanne angebraten habe. Keine Beilagen. Sabber.
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Die Schweinerouladen waren aus unerfindlichem Grunde im Angebot – normalerweise muss ich mir die extra schneiden lassen. Gefüllt habe ich sie nach dem Salzen und Pfeffern mit einer Mischung aus Frischkäse, kleingeschnibbelten Champions und Pinienkernen. Nach dem Anbraten mit reichlich Weißwein abgelöscht und im geschlossenen Topf einige Zeit schmoren gelassen. Zum Schluss noch einen Schluck Sahne dazugegeben. Als Beilage nur Weißbrot. Ziemlich lecker.
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Doppelvorstellung:
Die festkochenden Kartoffeln hatte ich auf Vorrat gekocht, in der Absicht sie zu Bratkartoffeln zu verarbeiten. Was hier mit Speck und roten Zwiebeln geschehen ist. Dazu ein Stück von einer fast ausgerotteten Fischart und einen Klacks Remoulade.
Und davor gab’s tatsächlich einen Salat:
Ich hab mich überwunden. Das bemerkenswerte an ihm sind die Kirschtomaten aus eigenem Anbau. Meine Pflanze (Fensterbank, Südseite, pralle Sonne) trägt seit einem Jahr ununterbrochen Früchte.
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Bei einer Zehnerpackung Fischstäbchen ist meine Kapazitätsgrenze eigentlich überschritten. Aber mit ein bisschen Konzentration geht auch das. Als Beilage selbstgestampftes Kartoffelpüree und Erbsen aus der Dose (mit Zwiebel und Petersilie angemacht). Dazu allerlei Soßen der Firma Heinz.
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Von den Beilagen war natürlich einiges übriggeblieben, daher bot sich ein Cottage Pie zur Resteverwertung an. Rinderhack angebraten, mit den Erbsen vermischt, dazu gehackten Knoblauch, Oregano und Tomatenpüree; einkochen lassen. In Auflaufform gegeben, Kartoffelpüree draufgelöffelt und auch noch ein bisschen Käse aufgelegt. Schmeckt besser als es aussieht.
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Die Aubergine fühlte sich im Kühlschrank auch schon etwas vernachlässigt. Also habe ich sie kurzerhand gewürfelt, angebraten und mit Tomatenpüree sowie Petersilie, Oregano und Pfeffer zu einer Tomatensoße verarbeitet. Vorher Penne gekocht. Beides in eine Auflaufform gegeben. Auch einem Reststück Scamorza ist im Kühlschrank kein ewiges Leben beschieden, daher habe ich es gestiftelt und auf die Nudeln gegeben. Ab in den Backofen damit. Das Ergebnis war mäßig sensationell.
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Schon besser: Das aus Resten improvisierte Risotto. Zuerst hatte es eine Nudelsoße werden wollen: Hartwurstscheiben kleingefitzelt und angebraten, Paprikarest vor der Mumifizierung gerettet und in Stücke geschnitten, zur Wurst gegeben, ebenso Olivenscheiben und grob gehackte Petersilie. Mit Gemüsebrühe abgelöscht. Jetzt wäre eigentlich das Tomatenpüree drangewesen. Aber selbst ich kann irgendwann keine Nudeln mit Toamtensoße mehr sehen. Gerade rechtzeitig habe ich die Kurve gekriegt und Risottoreis in einen Topf geworfen und angebraten. Gemüse und Wurstmischung dazugegeben und peu à peu mit Gemüsebrühe aufgefüllt. Und Rühren. Zum Schluss noch geriebenen Parmesan eingerührt und dann den Bauch vollgeschlagen. Ich sollte öfters Risotto machen.
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Und damit dürfte sich diese kleine Serie ihrem Ende nähern. Eine Folge wird es wohl noch werden.
08. 06. 2008
akzenta
(Aus gegebenem Anlass mal wieder eine olle Kamelle nah am Mindesthaltbarkeitsdatum: )
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich ihn vermissen werde, aber es ist durchaus angenehm, 300 Meter entfernt von der »größten Lebensmittelauswahl in NRW«, dem Barmer akzenta zu wohnen. Wenn ich meinen Einkaufswagen durch den Laden schiebe, bin ich sogar geneigt, dem Claim zu glauben. Es mag Supermärkte geben, die stückzahlmäßig mehr Zeugs in den Regalen stehen haben, aber in keinem mir bekannten ist das Angebot so weitgefächert. Das Grundsortiment kommt von der Rewe Dortmund, und wird ergänzt durch Produkte aus der Region sowie 1a Spezialitäten von allen möglichen Anbietern, in epischer Breite. Fair gehandelte und Biowaren sind ebenfalls zahlreich vertreten1. Und die hauseigene Metzgerei ist ebenfalls nicht zu verachten.
Relativ klein gehalten ist der Non-Food-Bereich, eher auf den täglichen Bedarf ausgerichtet: Schreibwaren, Zeitschriften, Nähzeug, Kochutensilien, die Richtung. Kleinmöbel oder Unterhaltungselektronik hat man dankenswerterweise nicht im Programm, auch nicht als Aktionsware (wenn man mal vom Tchibo-Shop-in-Shop-Regal absieht).
Entgegen einem in Wuppertal weit verbreiteten Urteil ist das Einkaufen im akzenta nicht unbedingt kostspieliger als bei den großen Discounter-Ketten, denn auch das untere Preissegment ist in voller Breite vertreten – es ist bloß nicht immer ganz leicht aufzufinden, weil es in der Angebotsvielfalt untergeht oder ganz unten im Regal steht. Die Obst- und Gemüseabteilung stellt eine Herausforderung dar – dass alles immer verfügbar ist, also aus energieintensiver Treibhauszucht eingekauft wird, schlägt, wie ich vermute, per Mischkalkulation aufs Preisniveau durch, die Amplitude übers Jahr ist nicht sehr groß, auch zu Haupterntezeiten sinken die Preise nur wenig. Da bevorzuge ich das Angebot auf dem Barmer Wochenmarkt.
Das Stammhaus ist eher organisch in ältere Bausubstanz hineingewachsen, verzweigt sich in allerlei Nebenräume, was nicht eben zur Übersichtlichkeit der Warenpräsentation beiträgt. Immerhin hat man in jüngerer Zeit einige Modernisierungsanstrengungen geleistet, durchaus erfolgreich. Die gewisse Krosigkeit hat aber auch ihren Charme. (Die Ableger in Elberfeld und Vohwinkel haben es in dieser Hinsicht leichter, weil sie in Neubauten residieren.)
Das erfreulichste aber: Das Einkaufen geht selbst im größten Gedränge noch entspannt vonstatten, weil auf den Einsatz von zahlreichem Personal nicht verzichtet wird. Man findet immer einen mehr oder minder kompetenten, auf jeden Fall aber bemühten Ansprechpartner, wenn man mal ratlos im Gang steht. Und auch die Kassen sind stets so zahlreich besetzt, dass Schlangenfrust nicht aufkommt.
(Wer nach akzenta googelt, wird übrigens weitere Märkte gleichen Namens außerhalb von Wuppertal finden, die jedoch bis auf den Namen und die Rewe-Beziehung mit dem Barmer akzenta und seinen genannten Ablegern nichts gemein haben.)
[so ähnlich am 22.10.2006 ins Regal von Qype gestellt]
1 Der (Wuppertaler!) Anbieter der fair gehandelten Waren möchte übrigens nur nach erteilter schriftlicher Genehmigung verlinkt werden. Du meine Güte! Webagenturen und Textbausteine.
06. 06. 2008
Crystal Days
Die beim letzten Umzug umständehalber in großer Hast gepackten Kartons und Kisten sind noch nicht alle geleert, gesichtet und durchflöht, da ist es schon wieder an der Zeit, sie erneut zu befüllen. Also habe ich mir in den letzten Tagen öfters die Grubenlampe aufgesetzt und dabei unter anderem eine halbvergessene Tüte mit Audiokassetten der Firma TDK ans Tageslicht zurückbefördert. Vornehmlich befinden sich darauf Livemitschnitte aus der ersten Hälfte der 80er, selbst gekauft auf dem Camden Lock Market oder durch andere von ebendort mitgebracht.
Da die ältere unserer beiden Winzanlagen noch tapefähig ist, wurde erst mal ein halber Morgen damit verplempert, sinnlos das alte Zeug abzuhören. Die Bänder haben ihren Winterschlaf erstaunlich verlustfrei überstanden. Im Gegensatz zu so mancher CD, die kurz nach der Jahrtausendwende gebrannt wurde und heute höchstens noch als Untersetzer taugt.
Wie seltsam, nach etlichen Jahren die öffentliche Premiere von “Lips Like Sugar” in Dublin wiederzuhören, eine etwas unbeholfene, rumpelig-schrabbelnde Version des späteren Möchtegernhits, als Set-Opener, kaum wiedererkennbar und in ihrem Dilettantismus charmant anrührend – erst anderthalb Jahre und viele Wirrungen später sollte der Song in glattgebügelter und totproduzierter Version auf dem grauen Album erscheinen. Das ganze unterfüttert mit der Erinnerung an jenen Tag, als ich mit der frisch erworbenen Kassette im auch schon längst verblichenen Walkman-Imitat, der vom Ertrag des ersten Sommersemesterferienjobs erstanden worden war, durch die Londoner Straßen und Parks gelaufen bin. Immer wieder zurückspulend, nicht wahrhaben wollend, dass die Band da längst am Ende war.
Doch ich will mich an dieser Stelle nicht in sentimentalen Reminiszenzen ergehen, in Zeiten von LMA, Dime oder eTree daran erinnern, wie man vor gut 20 Jahren an seinen Stoff gekommen ist, gar der Frage nachgehen, ob die Allverfügbarkeit letztlich nicht einen Verlust darstellt. Verloren gegangen ist nämlich noch etwas ganz anderes.
Im Juli 1983 bin ich durch Zufall und mit unverschämt viel Glück auf eines jener zwei Konzerte der Bunnymen in der Royal Albert Hall gelangt, die gemeinhin als der Höhepunkt im Schaffen jener Band gelten und mit denen sie für kurze Zeit die Weltherrschaft erlangte. Die knapp ein Jahr später veröffentlichte LP Ocean Rain – eine Platte, für die Bill Drummond (of KLF fame), der damalige Manager der Band, immerhin die bescheidene Parole “best album ever made” ausgegeben hatte, nicht ohne Ironie, aber auch nicht allzu weit off the mark – erschien da nur noch als Nachklapp.
Im London-Sommer darauf hatte ich immerhin eine Cassette mit dem anderen (ersten) der beiden Konzerte erbeuten können – ein Audience-Tape, bei dem man eher nur ahnen konnte, was da wirklich geschehen war, nach heutigen Maßstäben allerhöchstens von dokumentarischem Wert. Da die WEA sich jedoch nie entschließen konnte, vom Multitrack-Mittschnitt mehr als Do it Clean auf der B-Seite der 12″ von Killing Moon zu veröffentlichen, oder gar den Film, den Bill Butt davon gedreht hat, ist es jahrelang die Hauptreliquie in meinem musikalischen Hausschatz gewesen, wiewohl weniger als Anbetungsobjekt denn als Trostspender in allen Lebenslagen und Auslöser so mancher Entrückung.
Ein entsprechend dummes Gesicht habe ich folglich gemacht, als ich die Hülle aufklappte: Leer. Ausgerechnet dieses eine Tape ist nicht mehr da, weg, verschollen, futschikato. Nachdem ich nochmal alle Kisten und Regale durchforstet habe, hege ich einen – nicht mehr zu verifizierenden – Verdacht: Ich habe es mitsamt der Saba-Kompaktanlage auf den Sperrmüll gestellt. Vielleicht hätte ich vorher nochmal einen Blick in das Cassettenfach werfen sollen.
Ein kleiner Trost: Zwei Tracks von »meinem« Konzert sind auf der 2001 erschienen Werkschau enthalten, vom Film wurde zumindest ein knapp einstündiger Ausschnitt bei einer entlegenen TV-Station ausgestrahlt und dankenswerterweise von irgendwem auf VHS-Band mitgeschnitten. Zum Glück hat derjenige auf seine Cassette besser achtgegeben als ich auf meine und sie digitalisiert unters Volk gebracht.)
20. 05. 2008
Die schweren Jahre von 33 bis 45
Fast fünfundzwanzig Jahre lang hatte die einst vom Erlös der Konfirmationsfeier beschaffte Kompaktanlage von Saba Dienst getan, dann war sie aufgebraucht gewesen.
Diese All-in-one-Geräte waren anno ‘78 in Hifi-Glaubenszirkeln und bei deren Jungaspiranten schon verpönt, wer sich mit Gedanken an die Beschaffung eines solchen trug und laut davon kündete, wurde gerne schief angesehen. Da man mich just in die Lehren der evangelischen Kirche eingeweiht hatte (Unterhemden batiken und Kerzenständer aus Holz basteln), war mein Bedarf an Esoterik bis auf weiteres gedeckt. Ich wollte nicht wochenlang Testzeitschriften und Datenblätter studieren, zig Komponenten auf Frequenzgang und Klirrfaktor abklopfen – ich wollte möglichst bald in meinem eigenen Zimmer meine eigene Musik hören. Geduld gehört bis heute nicht zu meinen Stärken. Und so nannte ich nach einem Gang zu Rundfunk Schwiebert selig jene Kiste mein eigen, die mich durch das folgende Vierteljahrhundert begleiten sollte.
Erstaunlicherweise hatte am Ende nicht ihre Elektronik versagt, es waren die mechanischen Teile, die peu à peu den Geist aufgegeben hatten: Regler knisterten, Tasten ließen sich nur noch mit Hilfe von 2-Mark-Stücken in Position klemmen, der Kassettenteil fraß schon mal Bänder in sich hinein. Und auch der Plattenteller wollte zum Schluss nicht mehr auf die vorgeschriebene Geschwindigkeit beschleunigen, weswegen alles einen Viertelton zu tief erschall. So fungierte der Apparat zuletzt eigentlich nur noch als Verstärker für den anno ‘93 oder ‘94, als es anders gar nicht mehr ging, zugekauften CD-Player – welcher keine zehn Jahre später auch schon erste Ausfallerscheinungen zeigte.
Nach einer Schamfrist von weiteren fünf Jahren – schließlich war es all meine musikalischen Irrwege mitgegangen – wurde das getreue Gerät letzten Sommer aus dem Z-Park (»von der Ausbesserung zurückgestellt«) Richtung Entsorgung überführt.
Auf verschlungenen Pfaden, die ich hier nicht weiter ausleuchten möchte, haben inzwischen zwei neumodische Kleinstanlagen in unsere Behausung gefunden – beide nicht der feuchte Traum eines HiFi-Fetischisten, aber durchaus annehmbar für einen Vielhörer, der seine nicht unendlichen finanziellen Mittel lieber in neue Tonträger investiert.
Einen Großteil des zuvor angehäuften Vinyls hatte ich inzwischen bei Zweitausendeins auf CD nachgekauft, manches aus den 80ern war mir wurscht geworden, vieles Älteres galt es zudem angesichts der Wiederveröffentlichungsschwemme (”remixed & remastered”) überhaupt erst zu entdecken. Dazu kam die Flut an plötzlich durchs Internet problemlos verfügbaren Live-Aufnahmen der Grateful Dead, die erst einmal bewältigt sein wollte.
Allmählich aber machte die Plattenspielerlosigkeit eine Lücke schmerzlich bewusst: Die erste Hälfte der 90er, die Übergangsphase von der LP zur CD fehlte mir inzwischen im Höralltag sehr – für mich wichtige Platten, die damals zugleich und vermeintlich (da wenigstens bei den kleineren Firmen meist noch für analoge Wiedergabe gemastered) gleichwertig in beiden Formen veröffentlicht worden waren und die ich in Ermangelung beziehungsweise Verweigerung eines CD-Spielers hartnäckig als Vinyl gekauft hatte. Zehn Jahre später war das meiste davon in jedweder Form gründlich vergriffen, selbst die zweifelhaften Quellen blieben trocken.
Die Absicht, mir wieder einen Plattenspieler zuzulegen, war folglich schon länger gereift. Geblieben war der Unwille, mich in den Themenkomplex einzuarbeiten. Ich hatte keine Lust, windige »Beratungsgespräche« zu führen, deren absehbares Ergebnis sein würde, dass ich mir finanziell sowieso nur minderwertigen Schrott leisten könnte. Unterhaltungselektronikhöker genießen bei mir ungefähr die Wertschätzung von Gitarrenhändlern. Ich sah mich bereits in einen dieser Läden rennen, todesmutig und ohne lange Überlegung mit möglichst wenig Kontakt zum Personal nach einem x-beliebigen Gerät greifen und damit zur Kasse entschwinden.
So hätte es sich gewiss auch zugetragen, wenn moritz_f nicht zufällig angeboten hätte – ich weiß gar nicht mehr, wie wir aufs Thema gekommen sind –, mir seinen alten Thorens zu überlassen. »Thorens«? Nie gehört, keine Ahnung (dieses Blog führt seinen Titel nicht ohne Grund). Ich kenne moritz_f seit Zeiten, da die Rohstoffe für meine Saba-Anlage noch in der Erde lagen; seine musikalischen Vorlieben sind meinen nicht unähnlich, nur dass er mit einigem Trotz, mit Beharrlichkeit und Leidensfähigkeit und auch dank einem erstklassigen Plattendealer dem Vinyl treu geblieben war und ist. Außerdem hat er anders als ich zumindest Grundkenntnisse in Sachen höherwertiger brauner Ware.
Besagter Plattenspieler der Firma Thorens war aufs Abstellgleis geraten, weil er nach einem Umzug für den ihm im neuen Wohnzimmerregal zugeteilten Platz zu breit war. Liebeshändel können die merkwürdigsten Folgen zeitigen. Und so steht nun, nach einer fachmännisch vorgenommenen Hauptuntersuchung, neben meiner winzigen Anlage von Sony damit verbunden jenes High-End-Gerät. Bei der Wiederinbetriebnahme gab es noch ein kurzes retardierendes Moment, da für das gewünschte Klangresultat zwischen Ausgang und Eingang noch ein Vorverstärker geschaltet sein wollte. Den habe ich dann in gewohnter Manier nach circa 5 Minuten Entscheidungsfindung und ohne irgendwelche Testseiten im Internet zu Rate zu ziehen in einer Filiale eines großen Elektonikversandhauses erworben. Insgesamt liegen in unserem Wohnzimmer nun 7 Netzteile herum.
Endlich kann ich wieder “Mercury” vom American Music Club hören. Oder “Please Panic” von den Vulgar Boatmen, eine der großartigsten Platten ever. Und das dollste dabei: Es ist auf ihnen noch dasselbe drauf wie vor 5 Jahren, ich kenne noch jeden Ton.
Ein riesiges Dankeschön also nochmal hinauf zum Lichtscheid von hier ganz unten am Loh.






















